TietzelsTipp: Der Meteorologe von Olivier Rolin

Olivier Rolin, Der Meteorologe

Man muss starke Nerven haben, wenn man dieses Buch liest. Der Autor beschreibt das Leben des russischen Meteorologen Alexei Wangenheim, das beendet wurde in der Stalinzeit durch die bekannten “Säuberungen“, von denen man zwar gehört hat, deren buchhalterische Unerbittlichkeit, wie sie hier aufgelistet wird, man sich aber trotz allem nicht wirklich vorstellen kann.

Rolin war eher zufällig auf Wangenheim gestoßen. Seine Liebe zu Russland führte ihn verschiedene Male nach Archangelsk und von dort flog er 2010 zu den Soloweski-Inseln im Weißen Meer (das musste ich erst einmal googeln), auf denen sich ein wunderschönes Kloster aus dem 15. Jahrhundert befindet und wo 1923 das erste „Arbeitslager“ des GULag entstand. Rolin fand dort eine über 30.000 Bände umfassende Bibliothek vor, die sich aus den mitgebrachten Büchern der Gefangenen speiste, und da stieß er auf ein Werk, das Elena, Wangenheims Tochter, im Selbstverlag zum Gedanken an ihren Vater herausgegeben hatte. Neben den zahlreichen Briefen, die Wangeheim aus dem Lager an seine Frau schrieb, finden sich darin wundervolle, kolorierte, gleichwohl naive Zeichnungen: Bilder aus der Natur, Landschaften, Häuser, Schiffe, Tiere, Pflanzen, Polarlichter am Nachthimmel. Wangenheim sprach durch diese Zeichnungen direkt zu der kleinen, bei seiner Verhaftung erst vierjährigen Elena: er schickte ihr unterschiedlich gelappte und gefiederte Blätter, anhand derer sie die Zahlen lernen sollte. Er gab ihr Rätsel auf und zeichnete die Lösungen. Er stelle ihr die verschieden Früchte vor, die er aß und seine Katze. Dieser verzweifelte Versuch, in seiner desolaten Situation selber den Mut nicht zu verlieren und Frau und Kind zu trösten, ist ungeheuer anrührend.

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Wenn man dann die Geschichte erfährt dieses erfolgreichen und anerkannten Wissenschaftlers, den eine billige Denunziation ins Gefängnis, ins Lager und schließlich in den Tod führte, bleibt man fassungslos zurück. Misswirtschaft, die allein die Partei zu verantworten hatte, hatten Dürre über das Land und ein große Hungersnot gebracht. Was lag da näher, als den Meteorologen dafür verantwortlich zu machen, der das Wetter „sabotiert“ hatte. Keine Begründung für irgendeine Schuld war offensichtlich zu absurd, wenn man sich überhaupt die Mühe einer Begründung machte. In der Zeit des „großen Terrors“, 1937-1938 unter Jeschow, der auch zur Ermordung von über tausend Opfern aus dem Lager der Soloweski-Inseln führte, unter ihnen Wangenheim, gab es jene „Ausführungsbestimmung 00447“, die für jede Stadt und jede Region eine Quote für die Verurteilung (1. Kategorie: Todesurteil, 2. Kategorie: Lager) vorgab: für Moskau: fünftausend Todesurteile, für Leningrad viertausend. Man braucht eine Weile, bis man das ganz verstanden hat.

Erst in den 50er Jahren wurde Wangenheim rehabilitiert, in den 90er Jahren fand die Menschenrechtsorganisation Memorial das Massengrab, in dem auch Wangenheim verscharrt wurde. Dieses Buch zu schreiben, muss dem Autor sehr viel abverlangt haben. Dem Leser wird es genauso gehen. Es wird ihn tief bewegen.

TietzelsTipp: Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47 von Jörg Magenau

Jörg Magenau, Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47

Man hat es damals nicht so richtig mitbekommen, und die Jüngeren unter uns kennen die Gruppe 47 vielleicht gar nicht mehr: den Zusammenschluss eher links orientierter Schriftsteller, die nach dem Krieg, 1947 eben, ein Zeichen setzen wollten. Wie Hans Werner Richter, der „Anführer“ der Gruppe, derjenige, der zu den jährlichen Treffen einlud, es einmal formulierte „auf keinen Fall dürfen die Fehler (i. e. der Nazizeit) wiederholt werden.“ Es war aber niemals eine geschlossene Gruppe, sonder es war das feiwillige Miteinander sehr unterschiedlicher Individuen, die sich als Literaten oder als Kritiker für eine neue Literatur in Deutschland und damit im Grunde für eine neue Gesellschaft verantwortlich fühlten. Siegfried Lenz, Martin Walser, Walter Jens, Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Uwe Johnson waren wichtige Namen oder Marcel Reich-Ranitzki, Hans Mayer und Hellmuth Karasek als Kritiker.

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Bei den Treffen wurde nach Aufforderung von Richter (und nur von Richter) gelesen, und dann wurde der Text kommentiert – gelobt, verrissen, was auch immer. Nur der Text, nicht der Autor (der schweigend zuhören musste), nicht irgendwelche grundsätzlichen Ideen. 1966 traf sich die Gruppe auf Einladung durch die Amerikaner in Princeton, und Jörg Magenau beschreibt dieses Treffen, als wäre er selber dabei gewesen, so locker und mit leichter Hand, so voller Ironie und geradezu entwaffnender Beschreibung all der vielen Befindlichkeiten, Ängste, Eifersüchteleien, dass man selber zum schadenfrohen Beobachter wird. Das ist meisterhaft und unterhaltsam.

Kaum zu glauben, dass das Häufchen von deutschen Literaten, immerhin 80 an der Zahl, sich in Princeton ganz für sich hielt, kaum den Kontakt zu den amerikanischen Kollegen suchte, so dass man sich fragen lassen musste, warum man sich eigentlich nicht in der Eifel getroffen hätte. Dass man sich mit politischen Statements zurückhalten sollte – nämlich nicht in kritischer Weise zum gerade tobenden Vietnamkrieg Stellung zu nehmen habe –, war eine der Bedingungen für die Einladung von amerikanischer Seite gewesen.

Magenau entlarvt, nicht böse, sondern auf geradezu komische Weise die Wichtigtuerei einer Intelligentia, die im Saft ihrer eigenen Regeln und Bedingungen schmorte und im Grunde nicht frei und offen und aufgeschlossen war, wie sie sich so gern verstanden hätte. Peter Handke stand am Ende der Tagung auf und kritisierte doch grundsätzlich. Er warf den Autoren „Beschreibungsimpotenz“ vor, und Magenau macht deutlich, dass er damit am besten seinen eigenen Text getroffen habe. Für Handke war es der Aufbruch in die Popularität. Kurze Zeit später erfolgte in Frankfurt seine berühmte „Publikumsbeschimpfung“.

Nach Princeton traf sich die Gruppe 47 nur noch einmal. Sie hatte sich überlebt. Die Jugend suchte in der 68er Revolution andere Betätigungsfelder als die Literatur. Magenau ist eine grandiose, humorvolle Analyse gelungen, nicht nur dieses einmaligen Treffens, sondern der Gruppe 47 überhaupt und ihrer Zeit.

Amts- und Landgericht Krefeld

Von Beate Kehren-Böhm

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Im Februar 2016 waren wir mit unserer Facebook-Gruppe „Crefelder Geschichte“ in beiden Gerichtsgebäuden zu einer Besichtigung eingeladen. Diese Aktion wurde wunderbar erklärend begleitend mit dem Vertreter der Vorsitzenden, Richter am Landgericht Dr. Laumann, mit Christian Tenhofen – Richter am Amtsgericht und Pressedezernent des Landgerichts und zwei Justizangestellten.

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Die meisten Krefelder haben vielleicht kein gutes Gefühl beim Eintritt in dieses Gebäude. Aber wenn wir die vielleicht unangenehmen Gründe eines Besuches zur Seite schieben und uns nur auf die „Schönheit“ des imposanten Gebäudes einlassen…. schon muss man begeistert sein.

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Die „hauseigenen“ Zellen des Amts- und Landgerichts waren leider nicht zugänglich. Hier verweilten „Zwischengäste“, die auf ihre Verhandlung oder die Rückführung nach Anrath warteten. Und da war für uns aus Sicherheitsgründen nun mal kein Einlass. Aber ein Blick aus einem sonst nicht zugänglichen Bürofenster war möglich – bis in den Innenhof des Gefängnisses.

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Und dass auf der Steinstrasse einmal die Strassenbahn fuhr, wussten die meisten netten Nasen aus unserer Gruppe vorher auch nicht.

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Oben in einem der weitläufigen Flure hängt im Großformat ein Foto vom historischen Schwurgerichtssaal. So viel angestaubte Romantik hatte leider keinen Bestand.

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Ein Justizangestellter mit ganz viel Wissen führte uns durch das arg angestaubte Aktenlager. Stöbern unter Aufsicht war möglich.

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…und die älteste Akte in diesem Gericht stammt aus dem Jahr 1903

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Aus dem Aktenlager den Weg weiter unter den Dachbalken und man steht unter der Kuppel, die am Preußenring zu sehen ist – genial!!

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Unter den Balken der riesigen Kuppel befinden sich auch die Motoren für die mächtigen Lampen im großen Sitzungssaal – denn irgendwie muss man mal zu reinigen da dran kommen….

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Die wunderschöne Stuckdecke, wurde mit großem Aufwand um 1976 aufwändig restauriert.

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Diese Fenster konnten trotz einem neuen, angehängten Bürotrakt erhalten werden da der „Zwischenraum“ beleuchtet wird.

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Hier ein Link von Justiz-Online, der viele Infos aufzeigt:
http://www.lg-krefeld.nrw.de/behoerde/gerichtsvorstellung/historie/index.php

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Zentralblatt der Bauverwaltung. Ausgabe 43. 1923, Nr. 51/52
Erschienen 1923
Das „Zentralblatt der Bauverwaltung“ widmet am 27. Juni 1923 dem Neubau des Landgerichts und der Erweiterung des Amtsgerichtes in Krefeld einen großen Artikel.
http://digital.zlb.de/viewer/image/14688302_1923_027/1/#topDocAnchor

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Unsere Mitglieder aus der Facebook-Gruppe „Crefelder Geschichte“ waren wohl die bisher einzigen Bürger – außer Schul- und Studienklassen – die sich für das Gebäude ausführlich interessierten. Noch einmal möchten wir uns bei den begleitenden Fachleuten wie Richter und Justizangestellten für ihre geduldigen Erklärungen und ihre Zeit bedanken.

Ein entspannter Abschluss bei Kaffee, kühlen Getränken und einem kleinen Imbiss hatten wir uns später tatsächlich verdient!

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TietzelsTipp: Die Aula (1965) von Hermann Kant

Hermann Kant, Die Aula

Der Autor starb, 90jährig, im August diesen Jahres, und er war einer der bekanntesten Schriftsteller der DDR. Er war Mitglied der SED, Abgeordneter der Volkskammer, Mitglied im PEN-Zentrum Ost und West. Er war involviert in die Ausbürgerung Wolf Biermanns und inoffizieller Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit. Eine zwielichtige Person, so will einem scheinen, und linientreu bis zuletzt. Kann so jemand ein Buch wie „Die Aula“ (erschienen 1965) schreiben, so voller Sprachgewalt und Sprachwitz, so voller scheinbar ironischer Distanz zu den Errungenschaften der neu aufzubauenden sozialistischen Republik? Es fällt einem schwer, die beiden Personen überein zu bringen.

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Kant wurde in Hamburg geboren, diente 1944 in der Wehrmacht und ging, nachdem er aus polnischer Gefangenschaft entlassen war, 1949 in die DDR, wo er die ABF (Arbeiter und Bauernfakultät) besuchte, um die es in diesem Roman geht, der in weiten Teilen autobiografisch ist. In dieser Fakultät gab man unterprivilegierten Personen die Möglichkeit, das Abitur nachzumachen und schließlich zu studieren. Dass alle beschriebenen Menschern hier diese Möglichkeit aufs Beste nutzen und voller Eifer ihr Ziele erreichen, gehört sicher zu den geschönt dargestellten Verhältnissen in der DDR, wie Marcel Reich-Ranicki Kant vorgeworfen hat.

Im Roman wird einem der Protagonisten, Robert Iswall, aufgetragen, zehn Jahre nachdem die Jungen, um die es hier geht, die Fakultät verlassen haben, eine Festrede zur beabsichtigten Schließung dieser Fakultät zu halten. Das veranlasst ihn, über die Vergangenheit nachzusinnen. Erinnerungen an eine tolle Zeit werden wach, in der eine Gruppe von jungen Leuten eine eingeschworene Gemeinschaft gebildet hatte.

Kant gelingt es, diese Zeit sehr lebendig werden zu lassen und teilweise ist das unglaublich komisch. Es erinnert einen an die eigene Jugend mit alle den vielen Facetten an Freud und Leid und Ungeduld und Hoffnung, an all den Unsinn, den man als junger Mensch zu machen pflegt.

Es stimmt, dass die politischen Verhältnisse unkritisch gesehen werden, dass die Republikflucht des einen nicht näher erläutert wird, aber darüber hinaus ist es ein Buch über persönliche Beziehungen und über eine Freundschaft, die in einem einzigen, unerträglichen Augenblick in die Brüche geht. Robert veranlasst aus Eifersucht, dass sein Freund Trullesand für sieben Jahre nach China geschickt wird und dafür eine Kommilitonin, die mitgehen soll, heiraten muss. Am Ende löst sich zwar alles in Wohlgefallen auf, die Partei, die diesen unerhörten Vorgang gebilligt hat, so wurde Kant vorgeworfen, habe also auch hier mal wieder Recht behalten. Das mag einen stören. Aber unabhängig von der politischen Dimension, berührt einen die menschliche Seite dieser Geschichte sehr.

Kant selbst muss einmal gesagt haben, er hoffe, „dass ich jenseits von allem anderen Gut und Böse hin und wieder gesagt kriege: Schuft magst du ja wohl sein, aber schreiben kannst du ganz ordentlich! Das reicht mir!“ Es kann nicht reichen für die Absolution eines, der womöglich große Schuld auf sich geladen hat. Aber für diesen Roman trifft es sicher zu.

TietzelsTipp: Broken Hill von Nicholas Shakespeare

Nicholas Shakespeare, Broken Hill

Die Geschichte ist ebenso trostlos wie das Örtchen Broken Hill, ein Bergarbeiterdorf irgendwo in Australien. Am Neujahrstag 1915, als sich die Einwohner des Dorfes per Zug zum traditionellen Neujahrspicknick aufmachen, geschieht ein großes Unglück, ein Terrorakt, begangen von zwei Außenseitern. Die Geschichte beruht, wenngleich romanhaft verfremdet, auf einer wahren Begebenheit.

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Man reibt sich die Augen: 1915? Australien? Nur wenig verändert könnte sich dasselbe hier und jetzt zutragen. Haben wir denn überhaupt nichts dazu gelernt? Die Antwort ist offensichtlich: nein. Grundsätzlich scheinen sich die Menschen nicht zu ändern. Seit Jahrtausenden werden immer wieder dieselben Fehler gemacht. Hier geht es um ein von aller Welt abgeschiedenes Dorf, in dem jeder jeden kennt, in dem die Arbeitsmöglichkeiten begrenzt sind und in das Auswirkungen eines im weit entfernten Europa entflammten Weltkriegs zur Schließung der örtlichen Bergwerke führen. Junge Männer, ihrer Arbeit beraubt, verdingen sich als Soldaten in einem Krieg, der zu weit von ihrer Heimat entfernt stattfindet, als dass er sie wirklich etwas anginge.

Keine schöne Situation und keine beruhigende Atmosphäre, besonders für Fremde, die ebenfalls in dem Dorf leben. Seit Jahren leben, muss man sagen, geächtet von allem Anfang an, summarisch als Türken verschrien, obwohl sie aus allen möglichen Länder kommen wie etwa Indien und Afghanistan. Aber sie sind eben fremd. Sie sind anders, haben eine dunklere Haut, und vor allem eine andere Religion: sie sind Moslems. Obwohl es für Streitigkeiten eigentlich keinen Grund gibt, denn die „Anderen“ leben mehr oder weniger unter sich, sozusagen in einem Ghetto, „Camel Camp“ oder „Ghantown“ genannt, ist ihre bloße Existenz den „Weißen“ ein Dorn im Auge. Und während die Fremden die Dorfbewohner zu ihren (auch religiösen) Festen großzügig einladen, verwehrt man ihnen andererseits beim Weihnachtstanz den Zutritt zum Fest der Weißen. Denn zu allem anderen – der Befürchtung und Behauptung, dass die Fremden den einheimischen die Arbeit weg nehmen –, kommt die Furcht, sie könnten sich auch an die eigenen Frauen heranmachen. Die demütigende Abfuhr an jenem Weihnachtstanz ist es, die das Fass für Gül und Molla Abdullah nach Jahren der Schikanen zum Überlaufen bringt und sie zu Terroristen werden lässt.

Dass es auch anders gehen könnte, dass eine Annäherung, geboren aus Respekt und Neugierde auf das Andersartige möglich wäre, zeigt der Autor an einer jungen Frau, Rosalind, der die Enge ihres Dorfes und seine Begrenztheit schmerzlich bewusst sind. Ihr steht die Ehe mit einem groben Bergarbeiter bevor, der nicht ganz unsympathisch, aber in allem vorhersehbar ist. Diese Ehe wird ein Käfig sein, aus dem sie ausbrechen möchte, noch ehe sie darin gefangen ist. Eine Frau, die offen auf die Fremden zugeht, kaum Berührungsängste hat und sogar eine Zuneigung zu Gül verspürt, die sie nicht zu deuten wagt. Aber sie eine schwache Frau und sie ist mit ihrer Einstellung in dieser Gesellschaft allein. So nimmt das Schicksal seinen Lauf.

TietzelsTipp: Allein gegen die Schwerkraft. Einstein 1914-1918 von Thomas de Padova

Thomas de Padova, Allein gegen die Schwerkraft. Einstein 1914-1918

Ich kann nicht behaupten, nach Lektüre des Buches Einsteins Relativitätstheorie besser verstanden zu haben. Aber dem zwiespältigen Charakter dieses Mannes kommt man gewiss näher. Der Autor wählt für seine fragmentarische Biographie des genialen Physikers die Jahre des Ersten Weltkrieges: Einmal, weil es die Zeit ist, in der Einstein einen Ruf nach Berlin erhält, wo man ihm anbietet, völlig unbehelligt von irgendwelchen Verpflichtungen an seinen Forschungen zu arbeiten. Und zweitens, weil Einstein genau in diesen Jahren der gedankliche Durchbruch für seine allgemeine Relativitätstheorie gelingt. Die Welt um ihn herum gerät in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß aus den Fugen, und er zieht sich in sein Innerstes zurück. Er kann dies, weil er als Besitzer des Schweizer Passes – geboren wurde er allerdings als Deutscher – nicht zum Militär einberufen werden kann. Aber er ist Pazifist und beteiligt sich an politischen Vereinigungen, die gegen den Wahnsinn öffentlich Stellung nehmen. Lediglich seine außerordentliche Berühmtheit rettet Einstein vor weitreichenden polizeilichen Maßnahmen, sein Genie, macht ihn sozusagen unantastbar.

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Seine Professorenkollegen, der Physiker Max Planck und die Chemiker Fritz Haber und Walther Nernst, die ihn nach Berlin geholt hatten, und denen er teilweise auch persönlich sehr nahe stand, gerieten allesamt in einen Kriegstaumel, der uns heute unverständlich scheint, damals aber Allgemeingut war. Eigenartig, dass Einstein sich nicht von ihnen distanzierte. Insbesondere Fritz Haber war für die menschenverachtende Kriegsführung mit Giftgas verantwortlich. Einstein hat ihn dafür niemals auch nur kritisiert. Scheinbar unbehelligt von allem hat er in Berlin weiter an seinen Ideen gearbeitet und seine Lösung gefunden.

Man tut sich ein bisschen schwer mit diesem Phänomen, wie auch der Privatmensch Einstein kein allzu positives Bild abgibt. Von seiner Frau Milena distanziert er sich schon beim Umzug nach Berlin im Frühjahr 1914, weil er ein Verhältnis mit seiner Cousine Elsa hat. Er treibt die Missachtung seiner Frau so weit, dass diese ihn bereits im Juli 1914 verlässt und mit beiden Söhnen zurück nach Zürich geht. Um die Söhne tut es ihm irgendwie leid, aber auch später hat er sich um deren Liebe und Wohlwollen nicht wirklich bemüht. Er ist ein Eigenbrödler und weiß, dass er im Grunde allein bleiben sollte. Da er aber kränkelt, nimmt er Elsas Hilfe, die sich rührend um ihn kümmert, dankbar an. Er wird sie nach langem Zögern 1919 schließlich doch heiraten, nicht ohne darüber nachzudenken, ob er nicht lieber deren Tochter Ilse zur Frau nehmen soll.

De Padova gelingt es, die wissenschaftliche, die menschliche und alle anderen Facetten dieses Menschen auf interessante Weise mit einem sehr lebhaften Bild des damaligen Deutschlands und vor allem Berlins zu verschmelzen. Man lernt außerdem viel, auch über die ungeheuer beeindruckende Art und Weise von Einsteins Denken. Und es wird einem bewusst, dass man einem Genie nicht mit normalen Maßstäben beikommen kann.

TietzelsTipp: Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen

In Zeiten, in denen ganz Deutschland wegen der „Flüchtlingskrise“ aufgeregt diskutiert, tut es gut, dieses Buch in die Hand zu nehmen, das ruhig, gleichwohl eindringlich und einfühlsam vermittelt, worum es eigentlich geht: um Menschen nämlich, von denen jeder sein eigenes Schicksal mit sich herum trägt. Und diese Menschen – hier sind es in Berlin gestrandete Schwarzafrikaner – haben zum großen Teil furchtbare Dinge erlebt, haben gesehen, wie Eltern und Kinder getötet wurden, haben selber, bei einer furchterregenden Fahrt über das Mittelmeer, dem Tod ins Auge geblickt und wollen jetzt nur noch eines: weiterleben, in Ruhe und Frieden, wollen arbeiten, um sich genau das zu ermöglichen.

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Dem gegenüber gibt es Gesetze, die genau das verhindern. Diese Menschen haben Europa in Italien betreten, und also ist Italien für sie zuständig, nicht Berlin und nicht Deutschland. In Italien aber hat man sie auf die Straße geschickt. Dort könnten sie sich Arbeit suchen. Aber sie finden keine. Und so sind sie weiter gezogen. Jenny Erpenbeck schildert diese Situation gänzlich unaufgeregt, ohne anzuklagen, ohne aber auch billige Lösungen anzubieten, oder überhaupt Lösungen. Unaufgeregt ist auch ihr Protagonist, Richard, ein gerade emeritierter Hochschulprofessor. Er wird aufmerksam auf die Afrikaner, die auf dem Oranienplatz wild campieren und von dort in verschiedene Unterkünfte gebracht werden. Er findet, ein bisschen verwunderlich vielleicht, dass zwischen diesen „aus der Zeit Gefallenen“ – die nämlich mit ihrer Zeit so gar nichts anfangen dürfen – und ihm selber eine gewisse Beziehung besteht, denn er hat noch nicht gelernt, mit der vielen Zeit, die ihm jetzt gegeben ist, sinnvoll umzugehen.

Richard sucht die Afrikaner auf, zunächst unter dem Vorwand einer wissenschaftlichen Untersuchung, und befragt sie. Von allem Anfang an aber sind das keine Interviews sondern ganz persönliche Gespräche. Gespräche zwischen Richard, der auf der einen, der „richtigen“ Seite steht und den anderen, denen auf der „falschen“ Seite, die hier nicht hin gehören und, auch das ist klar, die nicht werden bleiben dürfen. In dem Augenblick, in dem Richard (und der aufgeschlossene Leser) die Schicksale der Männer und ihre schreckliche Not kennenlernt, begreift er, wie grausam, wie menschenverachtend, wie inhuman das Vorgehen einer Verwaltung nach den vorhandenen, gültigen Gesetzen ist. Niemandem ist ein Vorwurf zumachen. Es schnürt einem die Kehle zu.

Richard hilft. Durch seine Gespräche, sein Interesse, seine Zuwendung, schließlich ganz konkret, indem er einige der Schwarzen, die abgeschoben werden sollen, bei sich wohnen lässt und auch seine Freunde dazu animiert. Das ist kein positives Ende, denn das ist keine dauerhafte Lösung. Es zeigt aber, wie wichtig es ist, jeden Menschen, der geflohen ist, als Menschen wahrzunehmen und sich ihm gegenüber als Mensch zu verhalten. Wenigstens das kann solchen Verlorenen ein Stück ihrer Würde erhalten. Ein ergreifendes, auch sprachlich wunderbares Buch.

Wer nichts sieht, der weiß auch nichts

von Beate Kehren-Boehm

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Wer nichts sieht, der weiß auch nichts.

Diesen Satz habe ich immer vor Augen, wenn ich durch die Stadt gehe oder fahre. Es gibt so viel zu sehen, dass unser Wissen um die Stadtgeschichte erweitert oder erweitern könnte.

Als Beispiel die alten Villen der Fabrikanten. Die „Reviere“ in unserer Stadt. Wer hat hier gewohnt? Welche Geschichte wird da geschrieben? Zu nennen wären da auch die Villa Poelzig, Haus Gompertz, Haus van Heys, Villa Wirichs, Revier Ulmenstrasse, Villa Waldhof… um nur einige Orte zu nennen.

Krefelder Gärten und Parks sind immer eine Reise wert. Überall gibt es etwas zu sehen und Daheim kann man sein Wissen um die Geschichte der Stadt auffrischen oder auch ergänzen.

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Wir haben uns zuletzt auf den Weg gemacht und haben Wetterfahnen und alte Wetterhähne gesucht. Bei dieser Gelegenheit kann man seinen Blick auf schöne Häuser mit wunderbarem Stuck bewundern oder auch alte Haustüren. Es existieren Wandbilder aus den 50er Jahren, Brunnen, Wasserspiele und noch zahlreiche Denkmäler.

In den letzten zwei oder bald drei Jahren befindet sich die Stadt in großen Veränderungen. Überall wird gebaut – manchmal nicht mit der Zufriedenheit der Bürger. Aber man muss nicht alles schön finden. Hauptsache, es passiert etwas und wenn dann alle sorgsam mit allem NEUEN umgehen, wird das Stadtbild auch wieder schön werden.


Wer nichts sieht, der weiß auch nichts.

Ich hatte Bedenken mit der „Pokemon-Sucht“ – wollte aber auch nicht zu der heutigen Miesepeter-Gesellschaft gehören. Also: abwarten! Nun muss ich sagen, das die neuen Reize und Trends mich mitgezogen haben – obwohl ich mich nicht der Masse anschließen wollte. Ich werde das Pokemon auch nicht nutzen, da ich mit meinem Handy nur telefoniere. Aber mich begeistert es, das die Jugend zur Zeit ein verstärktes Teamwork entwickelt und sich mehr Bewegung gönnt. Es ist also erstmal nicht alles schlecht. Ich erinnere an unsere Schnitzeljagd – im Prinzip ähnlich!

Der 23jährige Sohn ist z.B. früh aus dem Haus mit der Freundin. Man trifft sich mit anderen Fans, um die Stadt zu erkunden. Das finde ich mehr als positiv – denn dabei lernen sie etwas. Denn es ist jetzt Sonntagnacht, etwa 1:09 Uhr und hier in Uerdingen sitzen etwa 35 junge Leute auf dem Mäuerchen, andere mit Campingstühlen vor dem Nord-West-Türmchen an der ehemaligen Stadtmauer um einen Pokemon einzufangen. Ich bin mir sicher, dass die meisten vorher das Türmchen nicht kannten.

Wie das im Strassenverkehr ablaufen soll, weiß ich nicht, aber da kommt jetzt das Stichwort Eigenverantwortung ins Spiel.

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No 1 – Blick von der Terrasse der KR-ONE im Behnischgebäude

No 2 – Rheinoase

No 3 – Am Rheintor

No 4 – Burg Linn

No 5 – Museum

TietzelsTipp: Männer mit Erfahrung von Castle Freeman

Castle Freeman, Männer mit Erfahrung

Ich warne Sie: dies ist keine ernst zunehmende Literatur, hier geht es nicht um erbauliche Gedanken oder um Probleme, mit denen man sich immer schon mal auseinander setzen wollte.

Das hier ist einen einfache Geschichte, mit einfachen Menschen, und am Ende des Tages ist sie auch schon vorbei. Sie geht gut aus, das heißt: schlecht. Und das ist gut. Die Sprache besteht aus kurzen, klaren Sätzen, und wenn es sich um wörtliche Rede handelt – das tut es fast ausschließlich – werden einem die Wörter wie Pingpong-Bälle um die Ohren gehauen. So hetzt man durch dieses kurze Buch, und wenn man nicht schon am Anfang genervt entscheidet, dass das nicht die Art Roman ist, auf die man sich einlassen möchte, dann liest man die Story in einem Rutsch durch. Denn sie ist spannend, von absurder Komik und irgendwie nicht ganz von dieser Welt.

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Eine junge Frau, Lillian, wird in einem Kaff in Vermont, USA, von einem Mann bedroht, einem Bösewicht, der sie fertig machen will. Und sie will sich das, gegen alle Vernunft, nicht gefallen lassen. Der Sheriff des Ortes, Hüter von Recht und Ordnung, den sie um Hilfe bittet, erklärt ihr, dass er ihr nicht helfen kann, weil ja noch nichts geschehen ist. Er verweist sie auf einen Typen, der diesen Blackway, den Bösen, kennt und ihr – vielleicht – helfen wird. Zunächst schickt er sie zu Whizzer, dem Besitzer einer nicht mehr existierenden Stuhlfabrik. Whizzer sitzt im Rollstuhl. Er ist uralt, wie seine Freunde, die mit ihm ihre Tage redend und Bier trinkend „rumbringen“. Es ist nicht sofort offensichtlich, aber das sind Männer mit Erfahrung. Auch Lillian kapiert das zunächst überhaupt nicht. Was dann geschieht, wie diese junge, eigensinnige, sture Person mit den langen Haaren widerwillig und verzweifelt mit einem starken Dummkopf und einem sehr alten Mann loszieht, um den Bösen fortan davon abzuhalten, ihr weiterhin nachzustellen, das ist so aberwitzig wie logisch.

Das Unternehmen scheint völlig aussichtslos, weil die Gegner so ungleich sind und eigentlich von allem Anfang an klar ist, dass das Gute sich niemals gegen das Böse durchsetzen kann. Denn Blackway tyrannisiert die Gegend nicht erst seit gestern, und der Sheriff hat die Lady aus gutem Grund abblitzen lassen. Andererseits ist das Böse irgendwie einseitig und scheint nur eine Richtung zu kennen. Les dagegen, der alte Mann, der sich zusammen mit dem etwas tumben aber furchtlosen Nate the Great, wie man ihn nennt, auf das Abenteuer eingelassen hat, ist ziemlich gerissen und kennt einige Tricks: auch er ein Mann von Erfahrung eben.

Dem Autor gelingt es, die ganze haarsträubende Geschichte völlig plausibel zu machen. Denn dass Lillian darauf besteht, nicht sie habe vor dem Bösen zu kuschen, sondern das Böse selbst müsse aufhören, nötigt den alten Männern Respekt ab. Deswegen hilft man ihr. Man zieht es durch bis zum Ende, wie es heißt. Wie im Wilden Westen. Spannend, lustig, verblüffend, beruhigend und trotz des unschönen Endes oder gerade deswegen: tief befriedigend.

TietzelsTipp: Die Reputation von Juan Gabriel Vásquez

Juan Gabriel Vásquez, Die Reputation

Ein bolivianischer Karikaturist, Javier Mallarino, wird mit 65 Jahren offiziell für sein Lebenswerk geehrt. Ein Lebenswerk, das darin bestand, politisch und moralisch den Finger auf Wunden zu legen und andere Menschen recht bedenkenlos an den Pranger zu stellen. Seine Umgebung und er selber hielten und halten das für richtig und ehrenwert.

Einzig seine Frau, Magdalena, mit der er eine Tochter hat und die er immer noch liebt, von der er aber seit Jahrzehnten geschieden ist, hat ihn manches Mal auf die Zweifelhaftigkeit seines Tuns und seiner Einstellungen hingewiesen. Aus einer anfänglichen Bewunderung Magdalenas wurde schließlich eine Entfremdung, die wohl zum Bruch der Ehe führte. Am Tag der Ehrung scheint eine neuerliche Annäherung möglich. Magdalena bleibt in der folgenden Nacht bei ihm.

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Am nächsten Tag empfängt er eine junge Journalistin, Samanta, die in seinem Arbeitszimmer angesichts der Karikaturen an den Wänden plötzlich gesteht, sie sei keine Journalisten, habe nur in sein Haus kommen wollen, weil sie in diesem Haus schon einmal gewesen sei, vor achtundzwanzig Jahren. Das habe sie bei der Ehrung am Vorabend bei der Vorführung seiner alten Zeichnungen plötzlich gespürt. Obwohl Mallarino sich zunächst überhaupt nicht erinnert, tut er es dann doch. Samanta war eine Freundin seiner eigenen Tochter und mit dieser damals auf einem Fest zugegen, das Mallarino gab. Die Kinder tranken unbeobachtet die Alkoholreste aus herumstehenden Gläsern und waren schließlich besinnungslos betrunken. Sie wurden ins Bett gebracht, ein herbeigerufener Arzt gab allerdings Entwarnung. Ein anwesender Politiker, den Mallarino mit Karikaturen verunglimpft hatte, und der flehentlich darum gebeten hatte, nicht mehr gezeichnet zu werden, wird von Samantas Vater, als dieser seine Tochter abholen will, im Zimmer der Mädchen angetroffen. Der hoch geschobene Rock des Kindes scheint darauf hinzudeuten, dass hier eine sexuelle Handlung stattgefunden hat. Statt nun die Polizei zu rufen und den Sachverhalt aufzuklären, vernichtet Mallarino den Politiker mit einer neuerlichen Karikatur, die ihn als Mädchenschänder zeichnet. Der Mann gibt sein politisches Amt auf und wird sich aus dem Fenster stürzen. Samanta will nun Jahre später von Mallarino „die Wahrheit“ wissen. Aber die Wahrheit kann Mallarino auch nicht sagen, weil er damals nicht in dem Zimmer gewesen ist. Zum ersten Mal erhebt sich wohl für ihn die Frage, in wie weit er für seine Karikaturen und deren Folgen Verantwortung trägt.

Das ist, so scheint mir, ziemlich an den Haaren herbei gezogen. Insbesondere die Person der Samanta ist wenig glaubwürdig. Obwohl sie damals volltrunken war und keinerlei Erinnerung mehr an irgendetwas hat, scheint sie jetzt, nach achtundzwanzig Jahren, verfolgt von der Idee, es könnte ihr damals etwas angetan worden sein. Und Mallarino, der Jahrzehnte lang die heftigen Reaktionen auf seine Zeichnungen mit Schrecken und Genugtuung registriert hat, denkt jetzt zum ersten Mal über Verantwortung nach? Sehr bedauerlich und recht unbefriedigend.