TietzelsTipp: Ein ganzes Leben von Robert Seethaler

Robert Seethaler, Ein ganzes Leben

Ein ganzes Leben – auf 150 Seiten in ein schmales Bändchen gepasst? Was für ein Leben kann das wohl sein? Kurz und voller intensiver Erlebnisse, so meint man, nicht lang und wenig ereignisreich.

Am Ende des Buches hat man begriffen, dass kein Leben wenig ereignisreich ist. Die etwa achtzig Jahre des Andreas Egger, der als vielleicht Vierjähriger – sein genaues Alter kennt niemand – um die Wende zum 20. Jahrhundert von Wien aus in ein österreichisches Bergdorf gebracht wird, um dort bei einem entfernten Verwandten unter zu kommen, umfassen auch den Großteil eines Jahrhunderts. Und so wie Egger heranwächst und älter und alt wird, so verändern sich auch die Zeit und die Welt um ihn herum: Elektrifizierung, Krieg, Fernsehen, Landung auf dem Mond seien nur einige der Stichworte.

P1820364Als Seilbahnarbeiter wirkt Egger mit an den großen Veränderungen, die seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts die stille Bergwelt aufschließen und schließlich zu Touristenhochburgen machen.

Zunächst aber wird der Junge als uneheliches Kind seiner „liederlichen Schwägerin“ bei dem Grossbauern als Arbeitskraft geduldet, nicht aber in die Familie integriert. Diese denkbar ungünstigen Ausgangsbedingungen können auf wunderbare Weise die menschliche Stärke, die einfache Klarheit nicht berühren, mit der Egger sein Leben hinnimmt und erträgt, aber in wichtigen Momenten auch ganz entscheidend selbst bestimmt. Er ist ein Mann ohne Bildung, einer, der nicht viele Worte macht, aber er ist nie verunsichert darüber, was er tun muss.

In Marie findet Egger seine Liebe, und es gehört zu den poetischsten und anrührendsten solcher Szenen, die ich überhaupt in Büchern gelesen habe, wie er sich dieser Liebe würdig erweisen möchte und auf welche Weise er Marie bittet, seine Frau zu werden.

Als er Marie verliert, ist der Krieg nicht mehr weit. Er bietet sich für den Wehrdienst an, aber da er hinkt, zieht man ihn nicht ein. Erst im letzten Augenblick, als bereits alles verloren ist, schickt man ihn in den Kaukasus. Dort gerät er in russische Gefangenschaft und kommt für acht Jahre nach Sibirien. Er übersteht alle Grausamkeiten und Schrecken dieser Zeit. Wichtig für sein Leben sind sie nicht.

„Ein ganzes Leben“ ist die unspektakuläre Geschichte eines einfachen Mannes, der wie kaum einer bereit ist, anzunehmen, was ihm geschieht und der sein Leben, das doch alles umfasst, worauf es ankommt, ruhig zu Ende lebt. Nicht zuletzt wegen Seethalers schöner, unglaublich poetischen und gleichzeitig ungeheuer präzisen Sprache ist diese Geschichte so beeindruckend und berührt den Leser tief.

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