TietzelsTipp: Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Harper Lee, Gehe hin, stelle einen Wächter
Harper Lee, Wer die Nachtigall stört

Das Manuskript des Romans „Gehe hin, stelle einen Wächter“ wurde bekanntermaßen erst kürzlich, nach 55 Jahren, wiedergefunden, und soll der damals abgelehnte Vorgänger von Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“ gewesen sein. Da der bisher einzige Roman der Autorin ein Welterfolg wurde, hat man die Veröffentlichung des neuen Manuskripts mit einem ungewöhnlichen Werbeaufwand begleitet.

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Wenn ich den 1960 erschienenen Bestseller heute noch einmal lese, wird mir schnell deutlich, warum ich mich gar nicht mehr daran erinnerte: auch damals schon (in den 80er Jahren) hat er mich nicht sonderlich beeindruckt. Über weite Strecken ist er ein gut geschriebenes Kinder- oder Jugendbuch. In aller Ausführlichkeit und recht lebhaft wird das Leben der sechsjährigen Scout, die am Ende des Buches noch keine neun Jahre alt ist, in der Südstaatenstadt Maycomb beschrieben. Sie, ihr Bruder Jem und ein Freund, der jedes Jahr in den Ferien zu ihnen in die Nachbarschaft kommt, sind ausgelassene und aufgeweckte Kinder. Sie spielen, machen Unfug, sind hinter einem geheimnisvollen Nachbarn her, lassen sich von anderen Nachbarn mit Kuchen versorgen. Die Schule ist für Scout eine Ernüchterung. Und so geht das weiter. Alles ist voller Harmonie, der göttergleiche Vater kann alles, versteht alles, sagt und tut niemals auch nur das geringste Schlechte. Sie haben eine schwarze Haushälterin, die nicht nur ebenfalls gut und verständig, sondern sozusagen Mutterersatz für die Halbwaisen ist. Das ist alles ziemlich betulich und altbacken, aber, wenn man es eben als Jugendbuch liest, durchaus erträglich.

Erst nach zwei Dritteln dieser nett dahin plätschernden Geschichte taucht das Problem auf, dessentwegen das Buch wohl zum Weltbestseller wurde. Der Vater, Atticus Finch, ein Anwalt, verteidigt einen Schwarzen, der zu Unrecht angeklagt ist, ein weißes Mädchen vergewaltigt zu haben. Obwohl alles für ihn und gegen die Ankläger spricht, wird er von einer weißen Jury verurteilt. Der Vater will in die Revision gehen. Aber der Schwarze glaubt nicht an Gerechtigkeit für sich und bringt sich um, indem er sich auf der Flucht erschießen lässt.

Der neue Roman, den man zunächst nicht veröffentlichen wollte, offensichtlich weil er die Rassenproblematik der Südstaaten mit sehr deutlichen Worten beschreibt, zeigt dieselbe Scout, die jetzt 26 Jahre alt ist und inzwischen in New York lebt. Sie kommt für eine Weile zurück nach Maycomb, in ihre Heimatstadt, zu ihrem Vater, dem seine Schwester Alexandra den Haushalt führt. Die schwarze Haushälterin ist dafür inzwischen zu alt. Der Bruder ist verstorben und spielt keine Rolle mehr. Es taucht Henry auf, ein Jugendfreund, den Scout möglicherweise liebt und vielleicht heiraten wird, oder lieber doch nicht. Henry dagegen ist sich seiner sicher, er hat Scout immer schon geliebt. Er arbeitet bei ihrem Vater und hofft, dessen Nachfolge anzutreten. Der Vater ist inzwischen 72 Jahre alt und einigermaßen gebrechlich. Alles scheint wiederum gut und harmonisch und ist für alle Außenstehende, die das lesen müssen, im Grunde etwas langweilig. Während Scout so durch die alte Stadt flaniert, werden Jugenderinnerungen wach, die amüsant geschrieben aber für den Fortgang der Geschichte nicht wirklich wichtig sind.

Interessanter wird es erst, ungefähr zur Hälfte des Buches, als Scout, in einem besonderen Moment erkennt, dass ihr geliebter Vater, ebenso wie Henry, der Mann der sie heiraten will, ausgesprochene Rassisten sind, so kommt es ihr vor. Denn sie erlebt eine Versammlung, bei der ein Sprecher öffentlich die Schwarzen als dumm und Untermenschen bezeichnet, denen man die selbstverständlichen Menschenrechte verwehren soll und muss. Vater und Henry lehnen sich nicht nur nicht dagegen auf, sondern sie unterstützen solche Reden ganz offensichtlich, denn sie spielen in der Versammlung eine wichtige Rolle.

Die Plötzlichkeit dieser Erkenntnis, die durch gar nichts psychologisch vorbereitet ist, wirft Scout völlig aus der Bahn. Das ist nicht wirklich glaubwürdig. Mehrfach wird deswegen betont, sie sei ihr ganzes Leben lang offensichtlich blind gewesen (nämlich was den wahren Charakter des Vaters und der ganzen Stadt angeht). Scout wird gegenüber Vater und Liebhaber ausfällig und will beide und ihre Heimatstadt auf Nimmerwiedersehen verlassen, weil sie partout mit solchen Menschen nichts mehr zu tun haben kann. Dann wird sie von einem Onkel, den sie sehr schätzt und der über alle Zweifel erhaben schient, beredet, die Dinge doch einmal vom Standpunkt der Menschen aus zu betrachten, die im Süden der Vereinigten Staaten mit dem Problem der Schwarzen leben müssen. Er verteidigt den Opportunismus seines Bruders nicht, aber er ist ihm auch nicht ganz unverständlich.

Und so kehrt Scout also der Welt, die sie gerade noch so verachtete, nicht den Rücken. Die Familienbande sind schließlich stärker, sie verzeiht ihrem Vater (und Henry), ja bittet ihn gar für ihre Ausfälligkeit um Entschuldigung. Wirklich verständlich, psychologisch glaubwürdig, scheint mir das nicht. Vielleicht ist es ungerecht, aus dem Abstand von über fünfzig Jahren die Darstellung der Probleme durch der Autorin für etwas wirr zu halten. Aber die heutigen Rassenunruhen in Amerika, bei denen unbewaffnete Schwarze von weißen Polizisten ungestraft getötet werden können, sind, so scheint mir, ein Schlag ins Gesicht der weißen amerikanischen Gesellschaft, die in den 60er Jahren den guten Anwalt Atticus Finch aus „Wer die Nachtigall stört“ zu ihrem Nationalhelden gemacht hat. Damals wie heute ist er nichts weiter als eine Illusion.

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