Gastbeitrag – Crefelder Geschichte: Krefelder Kanon der Literatur

Krefelder Kanon der Literatur

Zurzeit wird in den Buchhandlungen und im Café Coelen ein kleines Buch angeboten, in dem 100 Krefelder eines ihrer Lieblingsbücher vorstellen konnten. Ich durfte einen Roman beschreiben, mit durchweg biografischen Zügen. Denn die Autorin hat nach einer lieblosen Zeit im Krefelder Elternhaus und den wirklich schrecklichen Erlebnissen in ihrem Leben (verursacht durch den Krieg und den Handlungen ihres Vaters) versucht, ihr Leben mit ihren eigenen Büchern zu verarbeiten. So unterzog sie z. B. den Vater in „Der Grüne“ einer schonungslosen Analyse.
Wenn ich mit meiner Zusammenfassung im „Krefelder Kanon der Literatur“ zu einem Buch, was mich nachhaltig beeindruckt hat, einige Krefelder dazu animieren kann, sich für die Geschichte ihrer Stadt zu interessieren, kommen wir dem Ziel schon etwas näher. Denn man muss seine Heimatstadt kennen, um sie zu lieben und ihre Veränderungen zu verstehen.

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Im Sommer 2007 sah ich zufällig in der ARD die Dokumentation des Filmemachers Christian Gropper über die Schriftstellerin Anja Lundholm. Seit Jahren an MS leidend und bettlägerig erzählte sie aus ihrem unglaublichen Leben. Ich habe mich gefragt, wie viel ein Mensch eigentlich ertragen kann. Dann erzählte Anja Lundholm von Krefeld und damit gehörte ihr meine ungeteilte Aufmerksamkeit endgültig – denn Krefeld und die Geschichte unserer Stadt sind seit etwa 50 Jahren mein Thema.

Geordnete Verhältnisse – von Anja Lundholm

Der Roman spielt in den Jahren 1932/1933. Sehr schnell wird dem Leser bewusst, dass der christliche Vater die Familie beherrscht. Er ist die Autoritätsperson und bestimmt, wie es im Haus einer feinen Familie zugehen soll. Der Vater, der nie eine Tochter haben wollte formte Ruth ohne jegliche Zuneigung. Das Kind versuchte, den gewünschten Sohn zu ersetzen, sie spielt nicht mit Puppen, sondern mit einer Hantel, die sie aus dem Schlafzimmer des Vaters holte. Eines der väterlichen Prinzipien war es zudem, sich nicht zu berühren, wobei dieses Gesetz bei Ohrfeigen nicht gültig war. Die Zitate von Wilhelm Busch regelten den Alltag.

Über das Buch möchte ich hier nicht so viel schreiben, da die Bücher von Anja Lundholm in der Mediothek stehen. Hier geht es eher darum, mit offenen Augen durch Krefeld zu laufen und hinter vielen Häusern die oft versteckte Geschichte unserer Stadt zu erkennen. Denn die Familie des Apothekers Erdtmann war eine damals nicht seltene Mischehe. Frau Erdtmann war Jüdin und nach wenigen Jahren einer unglücklichen Ehe nicht mehr zu „gebrauchen“ – aber ihr Vermögen nahm der Apotheker gerne an sich.

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1938 trieb der Vater die jüdische Mutter in den Selbstmord. Denunziation durch ihren Vater, der bereits 1934 in die SS eingetreten war. Im Konzentrationslager Ravensbrück wurden an ihr medizinischen Versuche vorgenommenen. Dann den Todesmarsch – Flucht….. und 1953 wurde ihr auf Betreiben ihres mittlerweile entnazifizierten Vaters das Sorgerecht über ihre beiden Kinder entzogen, weil sie eine allein erziehende Mutter war. Das war damals möglich, da sie als geschiedene Frau auch mit den Kindern alleine lebte. So etwas galt als unmoralisch.
Anja Lundholm ist eine Verfasserin von vorwiegend autobiografischen Romanen, in denen sie ihr abenteuerliches Schicksal zwischen 1927 und 1949 verarbeitete. Sie starb 2007 mit 89 Jahren in Frankfurt.

Das Haus der Familie Erdtmann an der Ecke Uerdinger-Straße und Philadelphia-Straße mit der alten „Engel-Apotheke“ wurde nach dem Tod von Erich Erdtmann ( 1.2.1962) verkauft und etwas später abgerissen. Seit Ende der 60er Jahre wird hier in einer neuen Engel-Apotheke gearbeitet.

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BILD DER APOTHEKE von Christian Gropper

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Ein Gedanke zu „Gastbeitrag – Crefelder Geschichte: Krefelder Kanon der Literatur

  1. In dem neuen Haus auf der Uerdingerstr.1 wohnte mein bester Freund mit seiner früh verwittweten Mutter. Ich glaube, wir haben hier mehr als gefühlte 1000mal Skat gespielt und Fußball angesehen (WM ’74). Darüber nachzudenken, was an dieser Stelle damals passiert ist und was ein Mensch hier erdulden mußte, ist im nachhinein schon sehr berührend. Wieviel andere Häuser mag es geben, in denen heute normal gelebt wird, die aber viel zu erzählen hätten?

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