TietzelsTipp: Astrid Lindgren. Ihr Leben von Jens Andersen

Jens Andersen: Astrid Lindgren. Ihr Leben

Das ist ein dickes Buch für ein langes Leben. Astrid Lindgren, die 2002 starb, ist 94 Jahre alt geworden. Im Grunde hat sich in diesem an Gedanken ungeheuer reichen, angefüllten Leben gar nicht viel ereignet, wenn man damit spektakuläre Reisen, wilde Brüche im Lebenslauf und dergleichen meint. Selten ist wohl ein Mensch, dessen Fantasie die enge Welt der Realität so grandios und souverän zu verlassen in der Lage war, in all den irrwitzig fantasievollen Kinderbüchern, so bodenständig geblieben. Sie könne sich nicht vorstellen, irgendwo anders als in Schweden zu leben, bekannte Astrid Lindgren, und ihr langes Leben lang blieb sie in derselben Wohnung wohnen, in die sie 1941 mit Ihrem Mann, Sture Lindgren, gezogen war. Als Sture 1952 starb, trauerte sie sehr um ihn, aber sie konnte auch schreiben: richtig verliebt war ich in ihn nie. Es war wohl eher das Wegbrechen eines Menschen aus dem festen Familienzusammenhang, was ihr zu schaffen machte. Die große Familie mit den Eltern, Geschwistern, Kindern, schließlich den zahlreichen Enkeln, Großneffen und -nichten war ebenso wie ihr Land ihr Hort der Zuversicht, etwas, das ihr diese ungeheure, unantastbare Stabilität gab, der auch der spätere Ruhm nichts anhaben konnte. Dasselbe galt für den Kreis ihrer zumeist lebenslangen Freunde.

P1820364

Männer – außer sie standen ihr als Vater, Bruder, Sohn nahe – spielten keine allzu große Rolle im Leben der Astrid Ericcson, die 1907 in der Kleinstadt Vimmerby geboren wurde. So heiratete sie trotz aller Schwierigkeiten, die eine uneheliche Schwangerschaft damals mit sich brachte, auch nicht den Vater ihres Sohnes Lasse, der 1926 in Kopenhagen/Dänemark zu Welt kam. Dass sie den Jungen danach drei Jahre bei einer Pflegemutter in Kopenhagen lassen musste, war sicher das einschneidendste Erlebnis in ihrem Leben. Fortan plagte sie das schlechte Gewissen, dem Jungen keine bessere Mutter sein zu können. Sie hat Lasse, wie später ihre Tochter, Karin Lindgren, über alles geliebt, und Lasses Krebstod 1986 hat sie mehr aus der Bahn geworfen als alles andere.
Die Biografie ist reich mit wunderbaren Fotos bebildert. Viele aufschlussreiche Zitate der Autorin, ihrer Tochter, zahlreicher Freunde werden in den Text eingestreut. Astrid Lindgren hat den Fluss ihrer Gedanken in einer besonderen Steno-Schrift auf Blöcke zu Papier gebracht, die sie immer bei sich trug. Über 600 dieser Blöcke, dazu die Kriegstagebücher, Briefe, Buchmanuskripte werden im Archiv, das ihren Namen trägt, in Stockholm aufbewahrt.
Eine lange Liste von Kinderbüchern ist der Biografie angefügt, die einen ungläubig staunen lässt. Sie konnte sich in Kinderseelen hineindenken wie sonst niemand, verstand ihre Träume und Sehnsüchte, ihren Ärger mit den Erwachsenen, ihre Ängste, und deswegen sind alle ihre Bücher so eindringlich und tröstlich und befreiend. Sie glaubte, dass Einsamkeit im Sinne von Verlassenheit zum Schlimmsten gehört, was Menschen, vor allem Kinder, erdulden müssen und schöpfte doch aus der Einsamkeit im Sinne von Alleinsein, das sie häufig in ihrem Sommerhaus auf den Stockholmer Schären suchte, ihre Kraft zu leben und zu arbeiten. Sie war ein beneidenswert in sich ruhender, liebenswürdiger, kluger Mensch und eine großartige Autorin.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s