TietzelsTipp: „Einfach nur weg. Die Flucht der Kinder“ von Ute Schaeffer

Ute Schaeffer, Einfach nur weg. Die Flucht der Kinder

Die Autorin war Chefredakteurin bei der Deutschen Welle und hat aus einigen der Länder, um die es in diesem Buch geht, Bericht erstattet und kennt sie aus eigener Anschauung. Das mag geholfen haben bei der nicht immer leichten Annäherung an zwölf minderjährige Jungendliche, die sich ohne ihre Eltern oder andere Familienangehörige auf die Flucht begeben haben und inzwischen in Deutschland gestrandet sind.

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Alle diese Jugendlichen – neun Jungen und drei Mädchen – haben Schreckliches erlebt auf ihrer Flucht, aber ebenso traumatisch waren die Erlebnisse in ihren Heimatländern, die zu der Flucht geführt haben als dem einzig möglichen Weg, das eigene Überleben zu sichern. Ganz deutlich wird, dass keines der Kinder je von sich aus daran gedacht hat, die Heimat zu verlassen. Und Deutschland als Ziel hat bei kaum einem im Vordergrund gestanden, ja manche hatten von Europa nicht einmal eine Vorstellung. Der erste Impuls, der Anstoß zur Flucht, lag immer in den Verhältnissen vor Ort. Man wollte weg von dort, wo das Leben nicht mehr möglich war, und zwar egal wohin. Die Gründe waren unterschiedlich: sei es, wie im Fall von Ali aus Sierra Leone, dass seine Mutter an Ebola erkrankt und gestorben war und er selber daraufhin von allen gemieden wurde. Als eine Art Aussätziger fand er keine Arbeit mehr, konnte sich nicht mehr ernähren. Sei es, dass religiöse Fanatiker in Somalia die jungen Männer bedrohten und bedrängten, sich dem IS anzuschließen oder selber getötet zu werden, sei es wie im Fall von Yamina aus Guinea, dass kriegerische Auseinandersetzungen zur Ermordung der Eltern und Vergewaltigung der Schwester führten, die daran starb.

Im Schrecken und in der Grausamkeit ähneln sich die traumatischen Erlebnisse, auch die auf der Flucht, auf der ausnahmslos alle die Erfahrung machen mussten, von menschenverachtenden Schleppern ausgenommen, wie Vieh behandelt, manchmal regelrecht verkauft oder als Geiseln genommen zu werden, um immer mehr Geld aus ihnen heraus zu pressen. Das alles zu lesen macht einen fassungslos, hilflos und wütend. Es beweist, in welchem Maße Menschen zu ungebremster Brutalität im Eigennutz fähig sind, und man verliert den Glauben daran, dass sich jemals in dieser Welt etwas zum Guten wenden könnte. Es mag ein kleiner Trost sein, dass manche der Flüchtlinge auch Hilfe erfahren haben und dass ausgerechnet Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern eine positive Rolle spielt.

Inzwischen, im Mai 2016, wird in der Zeitung von ca. 65.000 unbegleiteten Minderjährigen allein in Deutschland berichtet, und das bringt sicher viele Probleme mit sich, die nicht geleugnet werden sollen. Dieses Buch verweist aber bei allem auf zwei sehr wichtige Punkte: erstens, jedes dieser Kinder ist ein Individuum mit einem eigenen, zumeist furchtbaren Schicksal. Das sollten wir niemals vergessen und nicht aufhören, uns menschlich um sie zu kümmern. Und zweitens: junge Menschen, die solche Erfahrungen gemacht und überlebt haben, sind stark und Kämpfernaturen, denen wir helfen sollten. Am Ende werden sie uns helfen.

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