TietzelsTipp: Die Reputation von Juan Gabriel Vásquez

Juan Gabriel Vásquez, Die Reputation

Ein bolivianischer Karikaturist, Javier Mallarino, wird mit 65 Jahren offiziell für sein Lebenswerk geehrt. Ein Lebenswerk, das darin bestand, politisch und moralisch den Finger auf Wunden zu legen und andere Menschen recht bedenkenlos an den Pranger zu stellen. Seine Umgebung und er selber hielten und halten das für richtig und ehrenwert.

Einzig seine Frau, Magdalena, mit der er eine Tochter hat und die er immer noch liebt, von der er aber seit Jahrzehnten geschieden ist, hat ihn manches Mal auf die Zweifelhaftigkeit seines Tuns und seiner Einstellungen hingewiesen. Aus einer anfänglichen Bewunderung Magdalenas wurde schließlich eine Entfremdung, die wohl zum Bruch der Ehe führte. Am Tag der Ehrung scheint eine neuerliche Annäherung möglich. Magdalena bleibt in der folgenden Nacht bei ihm.

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Am nächsten Tag empfängt er eine junge Journalistin, Samanta, die in seinem Arbeitszimmer angesichts der Karikaturen an den Wänden plötzlich gesteht, sie sei keine Journalisten, habe nur in sein Haus kommen wollen, weil sie in diesem Haus schon einmal gewesen sei, vor achtundzwanzig Jahren. Das habe sie bei der Ehrung am Vorabend bei der Vorführung seiner alten Zeichnungen plötzlich gespürt. Obwohl Mallarino sich zunächst überhaupt nicht erinnert, tut er es dann doch. Samanta war eine Freundin seiner eigenen Tochter und mit dieser damals auf einem Fest zugegen, das Mallarino gab. Die Kinder tranken unbeobachtet die Alkoholreste aus herumstehenden Gläsern und waren schließlich besinnungslos betrunken. Sie wurden ins Bett gebracht, ein herbeigerufener Arzt gab allerdings Entwarnung. Ein anwesender Politiker, den Mallarino mit Karikaturen verunglimpft hatte, und der flehentlich darum gebeten hatte, nicht mehr gezeichnet zu werden, wird von Samantas Vater, als dieser seine Tochter abholen will, im Zimmer der Mädchen angetroffen. Der hoch geschobene Rock des Kindes scheint darauf hinzudeuten, dass hier eine sexuelle Handlung stattgefunden hat. Statt nun die Polizei zu rufen und den Sachverhalt aufzuklären, vernichtet Mallarino den Politiker mit einer neuerlichen Karikatur, die ihn als Mädchenschänder zeichnet. Der Mann gibt sein politisches Amt auf und wird sich aus dem Fenster stürzen. Samanta will nun Jahre später von Mallarino „die Wahrheit“ wissen. Aber die Wahrheit kann Mallarino auch nicht sagen, weil er damals nicht in dem Zimmer gewesen ist. Zum ersten Mal erhebt sich wohl für ihn die Frage, in wie weit er für seine Karikaturen und deren Folgen Verantwortung trägt.

Das ist, so scheint mir, ziemlich an den Haaren herbei gezogen. Insbesondere die Person der Samanta ist wenig glaubwürdig. Obwohl sie damals volltrunken war und keinerlei Erinnerung mehr an irgendetwas hat, scheint sie jetzt, nach achtundzwanzig Jahren, verfolgt von der Idee, es könnte ihr damals etwas angetan worden sein. Und Mallarino, der Jahrzehnte lang die heftigen Reaktionen auf seine Zeichnungen mit Schrecken und Genugtuung registriert hat, denkt jetzt zum ersten Mal über Verantwortung nach? Sehr bedauerlich und recht unbefriedigend.

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