TietzelsTipp: Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen

In Zeiten, in denen ganz Deutschland wegen der „Flüchtlingskrise“ aufgeregt diskutiert, tut es gut, dieses Buch in die Hand zu nehmen, das ruhig, gleichwohl eindringlich und einfühlsam vermittelt, worum es eigentlich geht: um Menschen nämlich, von denen jeder sein eigenes Schicksal mit sich herum trägt. Und diese Menschen – hier sind es in Berlin gestrandete Schwarzafrikaner – haben zum großen Teil furchtbare Dinge erlebt, haben gesehen, wie Eltern und Kinder getötet wurden, haben selber, bei einer furchterregenden Fahrt über das Mittelmeer, dem Tod ins Auge geblickt und wollen jetzt nur noch eines: weiterleben, in Ruhe und Frieden, wollen arbeiten, um sich genau das zu ermöglichen.

P1820364

Dem gegenüber gibt es Gesetze, die genau das verhindern. Diese Menschen haben Europa in Italien betreten, und also ist Italien für sie zuständig, nicht Berlin und nicht Deutschland. In Italien aber hat man sie auf die Straße geschickt. Dort könnten sie sich Arbeit suchen. Aber sie finden keine. Und so sind sie weiter gezogen. Jenny Erpenbeck schildert diese Situation gänzlich unaufgeregt, ohne anzuklagen, ohne aber auch billige Lösungen anzubieten, oder überhaupt Lösungen. Unaufgeregt ist auch ihr Protagonist, Richard, ein gerade emeritierter Hochschulprofessor. Er wird aufmerksam auf die Afrikaner, die auf dem Oranienplatz wild campieren und von dort in verschiedene Unterkünfte gebracht werden. Er findet, ein bisschen verwunderlich vielleicht, dass zwischen diesen „aus der Zeit Gefallenen“ – die nämlich mit ihrer Zeit so gar nichts anfangen dürfen – und ihm selber eine gewisse Beziehung besteht, denn er hat noch nicht gelernt, mit der vielen Zeit, die ihm jetzt gegeben ist, sinnvoll umzugehen.

Richard sucht die Afrikaner auf, zunächst unter dem Vorwand einer wissenschaftlichen Untersuchung, und befragt sie. Von allem Anfang an aber sind das keine Interviews sondern ganz persönliche Gespräche. Gespräche zwischen Richard, der auf der einen, der „richtigen“ Seite steht und den anderen, denen auf der „falschen“ Seite, die hier nicht hin gehören und, auch das ist klar, die nicht werden bleiben dürfen. In dem Augenblick, in dem Richard (und der aufgeschlossene Leser) die Schicksale der Männer und ihre schreckliche Not kennenlernt, begreift er, wie grausam, wie menschenverachtend, wie inhuman das Vorgehen einer Verwaltung nach den vorhandenen, gültigen Gesetzen ist. Niemandem ist ein Vorwurf zumachen. Es schnürt einem die Kehle zu.

Richard hilft. Durch seine Gespräche, sein Interesse, seine Zuwendung, schließlich ganz konkret, indem er einige der Schwarzen, die abgeschoben werden sollen, bei sich wohnen lässt und auch seine Freunde dazu animiert. Das ist kein positives Ende, denn das ist keine dauerhafte Lösung. Es zeigt aber, wie wichtig es ist, jeden Menschen, der geflohen ist, als Menschen wahrzunehmen und sich ihm gegenüber als Mensch zu verhalten. Wenigstens das kann solchen Verlorenen ein Stück ihrer Würde erhalten. Ein ergreifendes, auch sprachlich wunderbares Buch.

Advertisements

Ein Gedanke zu „TietzelsTipp: Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s