TietzelsTipp: Konklave von Robert Harris

Robert Harris: Konklave

Man meint, Harris sei dabei gewesen, so anschaulich, so genau beschreibt er das Procedere einer in die nahe Zukunft verlegten Papstwahl. Der Papst ist gestorben, und ohne dass dies gesagt würde, weiß man, dass es sich um den derzeitigen Papst handeln muss. 118 Kardinäle aus allen Teilen der Welt sind im Vatikan versammelt, um den Nachfolger aus ihrer Mitte zu wählen.

Während dieses Konklaves sollen die Kardinäle von der Außenwelt abgeschlossen sein, kein wie auch immer gearteter Einfluss von außen soll die Entscheidung für den Einen, den Auserwählten beeinflussen. Zu früheren Zeiten bedeutete das tatsächlich, dass die Türen zur Sixtinischen Kapelle, dem traditionellen Ort der Wahl, verriegelt blieben, bis man sich auf einen Kandidaten geeinigt hatte. Die Kardinäle hatten sogar jeder einen eigenen Stuhl für ihre Notdurft. Man liest nicht ohne Interesse und Staunen, dass diese harten Bestimmungen inzwischen sehr gelockert worden sind.

Die Männer wohnen unweit der Sixtina in der Casa Santa Marta, wo sie schlafen und essen und vor allem ihre weitreichenden Intrigen spinnen können. Ein möglicher Kontakt zur Außenwelt besteht erstaunlicherweise in vielerlei Hinsicht: da sind die Nonnen, die die Männer bedienen und ihre Zimmer säubern, da sind Wahlhelfer und Organisatoren, die zwar bei der Wahlgängen ausgeschlossen aber zwischendurch immer wieder ansprechbar sind. Und nicht zuletzt Busfahrer und Sicherheitsbeamte, die die Kardinäle von der Casa Santa Marta bis zur Sixtinischen Kapelle begleiten. Genügend Möglichkeiten, die Außenwelt eben doch in den inneren Zirkel gelangen zu lassen.

Dieser innere Zirkel besteht von allem Anfang an aus verschiedenen Fraktionen, den Italienern, die endlich einen der ihren wieder auf dem Thron Petri sehen wollen, den Nordamerikanern, den Spaniern und vor allen den Afrikanern, denn es scheint an der Zeit für den ersten schwarzen Papst. Nicht zuletzt ist da ein ominöser Kardinal aus Bagdad, den überhaupt niemand kennt und den der verstorbene Papst in letzter Minute und in aller Heimlichkeit zum Kardinal ernannt hatte.

Der kluge Lomelli, der als Kardinaldekan für den ordentlichen Ablauf des Konklaves verantwortlich ist, versucht, objektiv zu bleiben, aber je mehr er über die Absichten und Hintergründe der einzelnen, sich bekämpfenden Favoriten erfährt, desto mehr muss er in das Geschehen eingreifen. Es ist vor allem die Sicht Lomellis, die der Leser teilt, und das ist ungeheuer spannend und glaubhaft beschrieben, wenngleich das Ausmaß all der Irrungen, die da aufgedeckt werden, schon recht ungewöhnlich ist. Aber sonst wäre es natürlich kein echter Harris. Und ist es nicht so, dass man oft nicht glauben kann oder will, wie schlecht die Welt ist, und dann muss man erfahren, dass sie in Wirklichkeit noch viel schlechter ist?!

 

Ein Buch, das man nicht aus der Hand legt, bevor man die letzte Seite gelesen hat.

TietzelsTipp: Vote for Victoria! von Antje Schrupp

Antje Schrupp, Vote for Victoria!

Wenn man diese ungewöhnliche Lebensgeschichte gelesen hat, bleibt man einigermaßen fassungslos zurück. Diese Victoria Woodhull ist einfach unglaublich. Geboren 1838 in einem Provinznest in Ohio, in der untersten aller Schichten, hat sie es tatsächlich in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts zur Präsidentschaftskandidatin geschafft. Und das war keineswegs der größte Erfolg, den sie erreicht hat.

Aber zurück zu den Anfängen. Victoria kam aus der Gosse, ihre Eltern, Buck und Annie Claflin, waren nicht nur arm, sie waren verkommen, asozial. Buck verdiente sein Geld u. a. mit Pferdediebstahl, Annie arbeitete als Wahrsagerin, und die ganze Familie war ständig auf der Flucht vor Menschen, die sie aufs übelste betrogen hatten. Und Victoria, benannt nach der gerade gekrönten englischen Königin, passte sehr wohl in diese Familie. Sie glaubte an Geister und arbeitete wie ihre jüngere Schwester Tennessee als Hellseherin und in anderen, wenig respektablen Berufen. Sie heiratete jung den Nichtsnutz Canning Woodhull, von dem sie zwei Kinder bekam, und von dem sie sich später scheiden ließ.

In Chicago lernte sie James Blood kennen, einen angesehenen, gebildeten Untersuchungs-richter, der eine Frau und zwei Töchter hatte. Blood verließ diese und seine gesamte bürgerliche Existenz, um mit Victoria durchzubrennen. Später heirateten sie, ohne dass Victoria seinen Namen (Blood = Blut) angenommen hätte, der ihr für ihre Geschäfte nicht ratsam schien. Durch Blood lernte Victoria politische Ideen und philosophisches Gedankengut kennen, das sie nachhaltig inspirierte. Die Frau, die lediglich für drei Jahre sporadisch eine Schule besucht hatte, interessierte sich plötzlich für die Ungerechtigkeiten dieser Welt und versuchte, etwas dagegen zu unternehmen. Sie trat ein für die Rechte der Frauen, der Schwarzen, der Arbeiter und aller Unterdrückten. Das Wahlrecht für Frauen, das verschiedene Frauenbewegungen damals forderten, war für sie keineswegs der wichtigste Schritt bei der Beseitigung bestehender Ungerechtigkeiten. Sie hielt Vorträge, sie gründete eine Zeitung und schließlich versuchte sie 1872 als Präsidentschaftskandidatin auf ihre Ziele aufmerksam zu machen. Diese Kandidatur war völlig aussichtslos, was Woodhull selbstverständlich wusste, aber sie war ein Zeichen dafür, dass die Zeiten sich ändern würden.

Der Kontakt zu Cornelius Vanderbilt und anderen reichen Männern brachte Victoria und Tennessee dazu, in New York ein erstes Broker-Büro für Frauen einzurichten, wobei James Blood als Mann die Geschäfte für die Frauen an der Börse tätigte.

Es konnte nicht ausbleiben, dass man mit allen Mitteln versuchte, gegen diese Frauen vorzugehen, wobei Victoria vor allem wegen ihrer allzu freien moralischen Einstellung angreifbar war. Als Cornelius Vanderbildt 1877 starb, ermöglichte eine Gabe von 100.000 Dollar den Schwestern einen Neuanfang in England. Es handelte sich offensichtlich um Schweigegeld der Familie für Insiderwissen, das den Ruf des alten Gentlemans stark beschädigt hätte.

In England heiratete Victoria John Biddulph Martin, mit dessen Vermögen sie als Wohltäterin wirkte und 1927 hoch angesehen starb.

Es ist unmöglich die zahlreichen Facetten und Wendungen dieses ungeheuer reichen und vielschichtigen Lebens in einer kurzen Rezension zusammenzufassen. Man muss es selber lesen.

TietzelsTipp: Der Meteorologe von Olivier Rolin

Olivier Rolin, Der Meteorologe

Man muss starke Nerven haben, wenn man dieses Buch liest. Der Autor beschreibt das Leben des russischen Meteorologen Alexei Wangenheim, das beendet wurde in der Stalinzeit durch die bekannten “Säuberungen“, von denen man zwar gehört hat, deren buchhalterische Unerbittlichkeit, wie sie hier aufgelistet wird, man sich aber trotz allem nicht wirklich vorstellen kann.

Rolin war eher zufällig auf Wangenheim gestoßen. Seine Liebe zu Russland führte ihn verschiedene Male nach Archangelsk und von dort flog er 2010 zu den Soloweski-Inseln im Weißen Meer (das musste ich erst einmal googeln), auf denen sich ein wunderschönes Kloster aus dem 15. Jahrhundert befindet und wo 1923 das erste „Arbeitslager“ des GULag entstand. Rolin fand dort eine über 30.000 Bände umfassende Bibliothek vor, die sich aus den mitgebrachten Büchern der Gefangenen speiste, und da stieß er auf ein Werk, das Elena, Wangenheims Tochter, im Selbstverlag zum Gedanken an ihren Vater herausgegeben hatte. Neben den zahlreichen Briefen, die Wangeheim aus dem Lager an seine Frau schrieb, finden sich darin wundervolle, kolorierte, gleichwohl naive Zeichnungen: Bilder aus der Natur, Landschaften, Häuser, Schiffe, Tiere, Pflanzen, Polarlichter am Nachthimmel. Wangenheim sprach durch diese Zeichnungen direkt zu der kleinen, bei seiner Verhaftung erst vierjährigen Elena: er schickte ihr unterschiedlich gelappte und gefiederte Blätter, anhand derer sie die Zahlen lernen sollte. Er gab ihr Rätsel auf und zeichnete die Lösungen. Er stelle ihr die verschieden Früchte vor, die er aß und seine Katze. Dieser verzweifelte Versuch, in seiner desolaten Situation selber den Mut nicht zu verlieren und Frau und Kind zu trösten, ist ungeheuer anrührend.

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Wenn man dann die Geschichte erfährt dieses erfolgreichen und anerkannten Wissenschaftlers, den eine billige Denunziation ins Gefängnis, ins Lager und schließlich in den Tod führte, bleibt man fassungslos zurück. Misswirtschaft, die allein die Partei zu verantworten hatte, hatten Dürre über das Land und ein große Hungersnot gebracht. Was lag da näher, als den Meteorologen dafür verantwortlich zu machen, der das Wetter „sabotiert“ hatte. Keine Begründung für irgendeine Schuld war offensichtlich zu absurd, wenn man sich überhaupt die Mühe einer Begründung machte. In der Zeit des „großen Terrors“, 1937-1938 unter Jeschow, der auch zur Ermordung von über tausend Opfern aus dem Lager der Soloweski-Inseln führte, unter ihnen Wangenheim, gab es jene „Ausführungsbestimmung 00447“, die für jede Stadt und jede Region eine Quote für die Verurteilung (1. Kategorie: Todesurteil, 2. Kategorie: Lager) vorgab: für Moskau: fünftausend Todesurteile, für Leningrad viertausend. Man braucht eine Weile, bis man das ganz verstanden hat.

Erst in den 50er Jahren wurde Wangenheim rehabilitiert, in den 90er Jahren fand die Menschenrechtsorganisation Memorial das Massengrab, in dem auch Wangenheim verscharrt wurde. Dieses Buch zu schreiben, muss dem Autor sehr viel abverlangt haben. Dem Leser wird es genauso gehen. Es wird ihn tief bewegen.

TietzelsTipp: Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47 von Jörg Magenau

Jörg Magenau, Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47

Man hat es damals nicht so richtig mitbekommen, und die Jüngeren unter uns kennen die Gruppe 47 vielleicht gar nicht mehr: den Zusammenschluss eher links orientierter Schriftsteller, die nach dem Krieg, 1947 eben, ein Zeichen setzen wollten. Wie Hans Werner Richter, der „Anführer“ der Gruppe, derjenige, der zu den jährlichen Treffen einlud, es einmal formulierte „auf keinen Fall dürfen die Fehler (i. e. der Nazizeit) wiederholt werden.“ Es war aber niemals eine geschlossene Gruppe, sonder es war das feiwillige Miteinander sehr unterschiedlicher Individuen, die sich als Literaten oder als Kritiker für eine neue Literatur in Deutschland und damit im Grunde für eine neue Gesellschaft verantwortlich fühlten. Siegfried Lenz, Martin Walser, Walter Jens, Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Uwe Johnson waren wichtige Namen oder Marcel Reich-Ranitzki, Hans Mayer und Hellmuth Karasek als Kritiker.

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Bei den Treffen wurde nach Aufforderung von Richter (und nur von Richter) gelesen, und dann wurde der Text kommentiert – gelobt, verrissen, was auch immer. Nur der Text, nicht der Autor (der schweigend zuhören musste), nicht irgendwelche grundsätzlichen Ideen. 1966 traf sich die Gruppe auf Einladung durch die Amerikaner in Princeton, und Jörg Magenau beschreibt dieses Treffen, als wäre er selber dabei gewesen, so locker und mit leichter Hand, so voller Ironie und geradezu entwaffnender Beschreibung all der vielen Befindlichkeiten, Ängste, Eifersüchteleien, dass man selber zum schadenfrohen Beobachter wird. Das ist meisterhaft und unterhaltsam.

Kaum zu glauben, dass das Häufchen von deutschen Literaten, immerhin 80 an der Zahl, sich in Princeton ganz für sich hielt, kaum den Kontakt zu den amerikanischen Kollegen suchte, so dass man sich fragen lassen musste, warum man sich eigentlich nicht in der Eifel getroffen hätte. Dass man sich mit politischen Statements zurückhalten sollte – nämlich nicht in kritischer Weise zum gerade tobenden Vietnamkrieg Stellung zu nehmen habe –, war eine der Bedingungen für die Einladung von amerikanischer Seite gewesen.

Magenau entlarvt, nicht böse, sondern auf geradezu komische Weise die Wichtigtuerei einer Intelligentia, die im Saft ihrer eigenen Regeln und Bedingungen schmorte und im Grunde nicht frei und offen und aufgeschlossen war, wie sie sich so gern verstanden hätte. Peter Handke stand am Ende der Tagung auf und kritisierte doch grundsätzlich. Er warf den Autoren „Beschreibungsimpotenz“ vor, und Magenau macht deutlich, dass er damit am besten seinen eigenen Text getroffen habe. Für Handke war es der Aufbruch in die Popularität. Kurze Zeit später erfolgte in Frankfurt seine berühmte „Publikumsbeschimpfung“.

Nach Princeton traf sich die Gruppe 47 nur noch einmal. Sie hatte sich überlebt. Die Jugend suchte in der 68er Revolution andere Betätigungsfelder als die Literatur. Magenau ist eine grandiose, humorvolle Analyse gelungen, nicht nur dieses einmaligen Treffens, sondern der Gruppe 47 überhaupt und ihrer Zeit.

TietzelsTipp: Die Aula (1965) von Hermann Kant

Hermann Kant, Die Aula

Der Autor starb, 90jährig, im August diesen Jahres, und er war einer der bekanntesten Schriftsteller der DDR. Er war Mitglied der SED, Abgeordneter der Volkskammer, Mitglied im PEN-Zentrum Ost und West. Er war involviert in die Ausbürgerung Wolf Biermanns und inoffizieller Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit. Eine zwielichtige Person, so will einem scheinen, und linientreu bis zuletzt. Kann so jemand ein Buch wie „Die Aula“ (erschienen 1965) schreiben, so voller Sprachgewalt und Sprachwitz, so voller scheinbar ironischer Distanz zu den Errungenschaften der neu aufzubauenden sozialistischen Republik? Es fällt einem schwer, die beiden Personen überein zu bringen.

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Kant wurde in Hamburg geboren, diente 1944 in der Wehrmacht und ging, nachdem er aus polnischer Gefangenschaft entlassen war, 1949 in die DDR, wo er die ABF (Arbeiter und Bauernfakultät) besuchte, um die es in diesem Roman geht, der in weiten Teilen autobiografisch ist. In dieser Fakultät gab man unterprivilegierten Personen die Möglichkeit, das Abitur nachzumachen und schließlich zu studieren. Dass alle beschriebenen Menschern hier diese Möglichkeit aufs Beste nutzen und voller Eifer ihr Ziele erreichen, gehört sicher zu den geschönt dargestellten Verhältnissen in der DDR, wie Marcel Reich-Ranicki Kant vorgeworfen hat.

Im Roman wird einem der Protagonisten, Robert Iswall, aufgetragen, zehn Jahre nachdem die Jungen, um die es hier geht, die Fakultät verlassen haben, eine Festrede zur beabsichtigten Schließung dieser Fakultät zu halten. Das veranlasst ihn, über die Vergangenheit nachzusinnen. Erinnerungen an eine tolle Zeit werden wach, in der eine Gruppe von jungen Leuten eine eingeschworene Gemeinschaft gebildet hatte.

Kant gelingt es, diese Zeit sehr lebendig werden zu lassen und teilweise ist das unglaublich komisch. Es erinnert einen an die eigene Jugend mit alle den vielen Facetten an Freud und Leid und Ungeduld und Hoffnung, an all den Unsinn, den man als junger Mensch zu machen pflegt.

Es stimmt, dass die politischen Verhältnisse unkritisch gesehen werden, dass die Republikflucht des einen nicht näher erläutert wird, aber darüber hinaus ist es ein Buch über persönliche Beziehungen und über eine Freundschaft, die in einem einzigen, unerträglichen Augenblick in die Brüche geht. Robert veranlasst aus Eifersucht, dass sein Freund Trullesand für sieben Jahre nach China geschickt wird und dafür eine Kommilitonin, die mitgehen soll, heiraten muss. Am Ende löst sich zwar alles in Wohlgefallen auf, die Partei, die diesen unerhörten Vorgang gebilligt hat, so wurde Kant vorgeworfen, habe also auch hier mal wieder Recht behalten. Das mag einen stören. Aber unabhängig von der politischen Dimension, berührt einen die menschliche Seite dieser Geschichte sehr.

Kant selbst muss einmal gesagt haben, er hoffe, „dass ich jenseits von allem anderen Gut und Böse hin und wieder gesagt kriege: Schuft magst du ja wohl sein, aber schreiben kannst du ganz ordentlich! Das reicht mir!“ Es kann nicht reichen für die Absolution eines, der womöglich große Schuld auf sich geladen hat. Aber für diesen Roman trifft es sicher zu.

TietzelsTipp: Broken Hill von Nicholas Shakespeare

Nicholas Shakespeare, Broken Hill

Die Geschichte ist ebenso trostlos wie das Örtchen Broken Hill, ein Bergarbeiterdorf irgendwo in Australien. Am Neujahrstag 1915, als sich die Einwohner des Dorfes per Zug zum traditionellen Neujahrspicknick aufmachen, geschieht ein großes Unglück, ein Terrorakt, begangen von zwei Außenseitern. Die Geschichte beruht, wenngleich romanhaft verfremdet, auf einer wahren Begebenheit.

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Man reibt sich die Augen: 1915? Australien? Nur wenig verändert könnte sich dasselbe hier und jetzt zutragen. Haben wir denn überhaupt nichts dazu gelernt? Die Antwort ist offensichtlich: nein. Grundsätzlich scheinen sich die Menschen nicht zu ändern. Seit Jahrtausenden werden immer wieder dieselben Fehler gemacht. Hier geht es um ein von aller Welt abgeschiedenes Dorf, in dem jeder jeden kennt, in dem die Arbeitsmöglichkeiten begrenzt sind und in das Auswirkungen eines im weit entfernten Europa entflammten Weltkriegs zur Schließung der örtlichen Bergwerke führen. Junge Männer, ihrer Arbeit beraubt, verdingen sich als Soldaten in einem Krieg, der zu weit von ihrer Heimat entfernt stattfindet, als dass er sie wirklich etwas anginge.

Keine schöne Situation und keine beruhigende Atmosphäre, besonders für Fremde, die ebenfalls in dem Dorf leben. Seit Jahren leben, muss man sagen, geächtet von allem Anfang an, summarisch als Türken verschrien, obwohl sie aus allen möglichen Länder kommen wie etwa Indien und Afghanistan. Aber sie sind eben fremd. Sie sind anders, haben eine dunklere Haut, und vor allem eine andere Religion: sie sind Moslems. Obwohl es für Streitigkeiten eigentlich keinen Grund gibt, denn die „Anderen“ leben mehr oder weniger unter sich, sozusagen in einem Ghetto, „Camel Camp“ oder „Ghantown“ genannt, ist ihre bloße Existenz den „Weißen“ ein Dorn im Auge. Und während die Fremden die Dorfbewohner zu ihren (auch religiösen) Festen großzügig einladen, verwehrt man ihnen andererseits beim Weihnachtstanz den Zutritt zum Fest der Weißen. Denn zu allem anderen – der Befürchtung und Behauptung, dass die Fremden den einheimischen die Arbeit weg nehmen –, kommt die Furcht, sie könnten sich auch an die eigenen Frauen heranmachen. Die demütigende Abfuhr an jenem Weihnachtstanz ist es, die das Fass für Gül und Molla Abdullah nach Jahren der Schikanen zum Überlaufen bringt und sie zu Terroristen werden lässt.

Dass es auch anders gehen könnte, dass eine Annäherung, geboren aus Respekt und Neugierde auf das Andersartige möglich wäre, zeigt der Autor an einer jungen Frau, Rosalind, der die Enge ihres Dorfes und seine Begrenztheit schmerzlich bewusst sind. Ihr steht die Ehe mit einem groben Bergarbeiter bevor, der nicht ganz unsympathisch, aber in allem vorhersehbar ist. Diese Ehe wird ein Käfig sein, aus dem sie ausbrechen möchte, noch ehe sie darin gefangen ist. Eine Frau, die offen auf die Fremden zugeht, kaum Berührungsängste hat und sogar eine Zuneigung zu Gül verspürt, die sie nicht zu deuten wagt. Aber sie eine schwache Frau und sie ist mit ihrer Einstellung in dieser Gesellschaft allein. So nimmt das Schicksal seinen Lauf.

TietzelsTipp: Allein gegen die Schwerkraft. Einstein 1914-1918 von Thomas de Padova

Thomas de Padova, Allein gegen die Schwerkraft. Einstein 1914-1918

Ich kann nicht behaupten, nach Lektüre des Buches Einsteins Relativitätstheorie besser verstanden zu haben. Aber dem zwiespältigen Charakter dieses Mannes kommt man gewiss näher. Der Autor wählt für seine fragmentarische Biographie des genialen Physikers die Jahre des Ersten Weltkrieges: Einmal, weil es die Zeit ist, in der Einstein einen Ruf nach Berlin erhält, wo man ihm anbietet, völlig unbehelligt von irgendwelchen Verpflichtungen an seinen Forschungen zu arbeiten. Und zweitens, weil Einstein genau in diesen Jahren der gedankliche Durchbruch für seine allgemeine Relativitätstheorie gelingt. Die Welt um ihn herum gerät in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß aus den Fugen, und er zieht sich in sein Innerstes zurück. Er kann dies, weil er als Besitzer des Schweizer Passes – geboren wurde er allerdings als Deutscher – nicht zum Militär einberufen werden kann. Aber er ist Pazifist und beteiligt sich an politischen Vereinigungen, die gegen den Wahnsinn öffentlich Stellung nehmen. Lediglich seine außerordentliche Berühmtheit rettet Einstein vor weitreichenden polizeilichen Maßnahmen, sein Genie, macht ihn sozusagen unantastbar.

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Seine Professorenkollegen, der Physiker Max Planck und die Chemiker Fritz Haber und Walther Nernst, die ihn nach Berlin geholt hatten, und denen er teilweise auch persönlich sehr nahe stand, gerieten allesamt in einen Kriegstaumel, der uns heute unverständlich scheint, damals aber Allgemeingut war. Eigenartig, dass Einstein sich nicht von ihnen distanzierte. Insbesondere Fritz Haber war für die menschenverachtende Kriegsführung mit Giftgas verantwortlich. Einstein hat ihn dafür niemals auch nur kritisiert. Scheinbar unbehelligt von allem hat er in Berlin weiter an seinen Ideen gearbeitet und seine Lösung gefunden.

Man tut sich ein bisschen schwer mit diesem Phänomen, wie auch der Privatmensch Einstein kein allzu positives Bild abgibt. Von seiner Frau Milena distanziert er sich schon beim Umzug nach Berlin im Frühjahr 1914, weil er ein Verhältnis mit seiner Cousine Elsa hat. Er treibt die Missachtung seiner Frau so weit, dass diese ihn bereits im Juli 1914 verlässt und mit beiden Söhnen zurück nach Zürich geht. Um die Söhne tut es ihm irgendwie leid, aber auch später hat er sich um deren Liebe und Wohlwollen nicht wirklich bemüht. Er ist ein Eigenbrödler und weiß, dass er im Grunde allein bleiben sollte. Da er aber kränkelt, nimmt er Elsas Hilfe, die sich rührend um ihn kümmert, dankbar an. Er wird sie nach langem Zögern 1919 schließlich doch heiraten, nicht ohne darüber nachzudenken, ob er nicht lieber deren Tochter Ilse zur Frau nehmen soll.

De Padova gelingt es, die wissenschaftliche, die menschliche und alle anderen Facetten dieses Menschen auf interessante Weise mit einem sehr lebhaften Bild des damaligen Deutschlands und vor allem Berlins zu verschmelzen. Man lernt außerdem viel, auch über die ungeheuer beeindruckende Art und Weise von Einsteins Denken. Und es wird einem bewusst, dass man einem Genie nicht mit normalen Maßstäben beikommen kann.

TietzelsTipp: Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen

In Zeiten, in denen ganz Deutschland wegen der „Flüchtlingskrise“ aufgeregt diskutiert, tut es gut, dieses Buch in die Hand zu nehmen, das ruhig, gleichwohl eindringlich und einfühlsam vermittelt, worum es eigentlich geht: um Menschen nämlich, von denen jeder sein eigenes Schicksal mit sich herum trägt. Und diese Menschen – hier sind es in Berlin gestrandete Schwarzafrikaner – haben zum großen Teil furchtbare Dinge erlebt, haben gesehen, wie Eltern und Kinder getötet wurden, haben selber, bei einer furchterregenden Fahrt über das Mittelmeer, dem Tod ins Auge geblickt und wollen jetzt nur noch eines: weiterleben, in Ruhe und Frieden, wollen arbeiten, um sich genau das zu ermöglichen.

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Dem gegenüber gibt es Gesetze, die genau das verhindern. Diese Menschen haben Europa in Italien betreten, und also ist Italien für sie zuständig, nicht Berlin und nicht Deutschland. In Italien aber hat man sie auf die Straße geschickt. Dort könnten sie sich Arbeit suchen. Aber sie finden keine. Und so sind sie weiter gezogen. Jenny Erpenbeck schildert diese Situation gänzlich unaufgeregt, ohne anzuklagen, ohne aber auch billige Lösungen anzubieten, oder überhaupt Lösungen. Unaufgeregt ist auch ihr Protagonist, Richard, ein gerade emeritierter Hochschulprofessor. Er wird aufmerksam auf die Afrikaner, die auf dem Oranienplatz wild campieren und von dort in verschiedene Unterkünfte gebracht werden. Er findet, ein bisschen verwunderlich vielleicht, dass zwischen diesen „aus der Zeit Gefallenen“ – die nämlich mit ihrer Zeit so gar nichts anfangen dürfen – und ihm selber eine gewisse Beziehung besteht, denn er hat noch nicht gelernt, mit der vielen Zeit, die ihm jetzt gegeben ist, sinnvoll umzugehen.

Richard sucht die Afrikaner auf, zunächst unter dem Vorwand einer wissenschaftlichen Untersuchung, und befragt sie. Von allem Anfang an aber sind das keine Interviews sondern ganz persönliche Gespräche. Gespräche zwischen Richard, der auf der einen, der „richtigen“ Seite steht und den anderen, denen auf der „falschen“ Seite, die hier nicht hin gehören und, auch das ist klar, die nicht werden bleiben dürfen. In dem Augenblick, in dem Richard (und der aufgeschlossene Leser) die Schicksale der Männer und ihre schreckliche Not kennenlernt, begreift er, wie grausam, wie menschenverachtend, wie inhuman das Vorgehen einer Verwaltung nach den vorhandenen, gültigen Gesetzen ist. Niemandem ist ein Vorwurf zumachen. Es schnürt einem die Kehle zu.

Richard hilft. Durch seine Gespräche, sein Interesse, seine Zuwendung, schließlich ganz konkret, indem er einige der Schwarzen, die abgeschoben werden sollen, bei sich wohnen lässt und auch seine Freunde dazu animiert. Das ist kein positives Ende, denn das ist keine dauerhafte Lösung. Es zeigt aber, wie wichtig es ist, jeden Menschen, der geflohen ist, als Menschen wahrzunehmen und sich ihm gegenüber als Mensch zu verhalten. Wenigstens das kann solchen Verlorenen ein Stück ihrer Würde erhalten. Ein ergreifendes, auch sprachlich wunderbares Buch.

TietzelsTipp: Männer mit Erfahrung von Castle Freeman

Castle Freeman, Männer mit Erfahrung

Ich warne Sie: dies ist keine ernst zunehmende Literatur, hier geht es nicht um erbauliche Gedanken oder um Probleme, mit denen man sich immer schon mal auseinander setzen wollte.

Das hier ist einen einfache Geschichte, mit einfachen Menschen, und am Ende des Tages ist sie auch schon vorbei. Sie geht gut aus, das heißt: schlecht. Und das ist gut. Die Sprache besteht aus kurzen, klaren Sätzen, und wenn es sich um wörtliche Rede handelt – das tut es fast ausschließlich – werden einem die Wörter wie Pingpong-Bälle um die Ohren gehauen. So hetzt man durch dieses kurze Buch, und wenn man nicht schon am Anfang genervt entscheidet, dass das nicht die Art Roman ist, auf die man sich einlassen möchte, dann liest man die Story in einem Rutsch durch. Denn sie ist spannend, von absurder Komik und irgendwie nicht ganz von dieser Welt.

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Eine junge Frau, Lillian, wird in einem Kaff in Vermont, USA, von einem Mann bedroht, einem Bösewicht, der sie fertig machen will. Und sie will sich das, gegen alle Vernunft, nicht gefallen lassen. Der Sheriff des Ortes, Hüter von Recht und Ordnung, den sie um Hilfe bittet, erklärt ihr, dass er ihr nicht helfen kann, weil ja noch nichts geschehen ist. Er verweist sie auf einen Typen, der diesen Blackway, den Bösen, kennt und ihr – vielleicht – helfen wird. Zunächst schickt er sie zu Whizzer, dem Besitzer einer nicht mehr existierenden Stuhlfabrik. Whizzer sitzt im Rollstuhl. Er ist uralt, wie seine Freunde, die mit ihm ihre Tage redend und Bier trinkend „rumbringen“. Es ist nicht sofort offensichtlich, aber das sind Männer mit Erfahrung. Auch Lillian kapiert das zunächst überhaupt nicht. Was dann geschieht, wie diese junge, eigensinnige, sture Person mit den langen Haaren widerwillig und verzweifelt mit einem starken Dummkopf und einem sehr alten Mann loszieht, um den Bösen fortan davon abzuhalten, ihr weiterhin nachzustellen, das ist so aberwitzig wie logisch.

Das Unternehmen scheint völlig aussichtslos, weil die Gegner so ungleich sind und eigentlich von allem Anfang an klar ist, dass das Gute sich niemals gegen das Böse durchsetzen kann. Denn Blackway tyrannisiert die Gegend nicht erst seit gestern, und der Sheriff hat die Lady aus gutem Grund abblitzen lassen. Andererseits ist das Böse irgendwie einseitig und scheint nur eine Richtung zu kennen. Les dagegen, der alte Mann, der sich zusammen mit dem etwas tumben aber furchtlosen Nate the Great, wie man ihn nennt, auf das Abenteuer eingelassen hat, ist ziemlich gerissen und kennt einige Tricks: auch er ein Mann von Erfahrung eben.

Dem Autor gelingt es, die ganze haarsträubende Geschichte völlig plausibel zu machen. Denn dass Lillian darauf besteht, nicht sie habe vor dem Bösen zu kuschen, sondern das Böse selbst müsse aufhören, nötigt den alten Männern Respekt ab. Deswegen hilft man ihr. Man zieht es durch bis zum Ende, wie es heißt. Wie im Wilden Westen. Spannend, lustig, verblüffend, beruhigend und trotz des unschönen Endes oder gerade deswegen: tief befriedigend.

TietzelsTipp: Die Reputation von Juan Gabriel Vásquez

Juan Gabriel Vásquez, Die Reputation

Ein bolivianischer Karikaturist, Javier Mallarino, wird mit 65 Jahren offiziell für sein Lebenswerk geehrt. Ein Lebenswerk, das darin bestand, politisch und moralisch den Finger auf Wunden zu legen und andere Menschen recht bedenkenlos an den Pranger zu stellen. Seine Umgebung und er selber hielten und halten das für richtig und ehrenwert.

Einzig seine Frau, Magdalena, mit der er eine Tochter hat und die er immer noch liebt, von der er aber seit Jahrzehnten geschieden ist, hat ihn manches Mal auf die Zweifelhaftigkeit seines Tuns und seiner Einstellungen hingewiesen. Aus einer anfänglichen Bewunderung Magdalenas wurde schließlich eine Entfremdung, die wohl zum Bruch der Ehe führte. Am Tag der Ehrung scheint eine neuerliche Annäherung möglich. Magdalena bleibt in der folgenden Nacht bei ihm.

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Am nächsten Tag empfängt er eine junge Journalistin, Samanta, die in seinem Arbeitszimmer angesichts der Karikaturen an den Wänden plötzlich gesteht, sie sei keine Journalisten, habe nur in sein Haus kommen wollen, weil sie in diesem Haus schon einmal gewesen sei, vor achtundzwanzig Jahren. Das habe sie bei der Ehrung am Vorabend bei der Vorführung seiner alten Zeichnungen plötzlich gespürt. Obwohl Mallarino sich zunächst überhaupt nicht erinnert, tut er es dann doch. Samanta war eine Freundin seiner eigenen Tochter und mit dieser damals auf einem Fest zugegen, das Mallarino gab. Die Kinder tranken unbeobachtet die Alkoholreste aus herumstehenden Gläsern und waren schließlich besinnungslos betrunken. Sie wurden ins Bett gebracht, ein herbeigerufener Arzt gab allerdings Entwarnung. Ein anwesender Politiker, den Mallarino mit Karikaturen verunglimpft hatte, und der flehentlich darum gebeten hatte, nicht mehr gezeichnet zu werden, wird von Samantas Vater, als dieser seine Tochter abholen will, im Zimmer der Mädchen angetroffen. Der hoch geschobene Rock des Kindes scheint darauf hinzudeuten, dass hier eine sexuelle Handlung stattgefunden hat. Statt nun die Polizei zu rufen und den Sachverhalt aufzuklären, vernichtet Mallarino den Politiker mit einer neuerlichen Karikatur, die ihn als Mädchenschänder zeichnet. Der Mann gibt sein politisches Amt auf und wird sich aus dem Fenster stürzen. Samanta will nun Jahre später von Mallarino „die Wahrheit“ wissen. Aber die Wahrheit kann Mallarino auch nicht sagen, weil er damals nicht in dem Zimmer gewesen ist. Zum ersten Mal erhebt sich wohl für ihn die Frage, in wie weit er für seine Karikaturen und deren Folgen Verantwortung trägt.

Das ist, so scheint mir, ziemlich an den Haaren herbei gezogen. Insbesondere die Person der Samanta ist wenig glaubwürdig. Obwohl sie damals volltrunken war und keinerlei Erinnerung mehr an irgendetwas hat, scheint sie jetzt, nach achtundzwanzig Jahren, verfolgt von der Idee, es könnte ihr damals etwas angetan worden sein. Und Mallarino, der Jahrzehnte lang die heftigen Reaktionen auf seine Zeichnungen mit Schrecken und Genugtuung registriert hat, denkt jetzt zum ersten Mal über Verantwortung nach? Sehr bedauerlich und recht unbefriedigend.