TietzelsTipp: Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47 von Jörg Magenau

Jörg Magenau, Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47

Man hat es damals nicht so richtig mitbekommen, und die Jüngeren unter uns kennen die Gruppe 47 vielleicht gar nicht mehr: den Zusammenschluss eher links orientierter Schriftsteller, die nach dem Krieg, 1947 eben, ein Zeichen setzen wollten. Wie Hans Werner Richter, der „Anführer“ der Gruppe, derjenige, der zu den jährlichen Treffen einlud, es einmal formulierte „auf keinen Fall dürfen die Fehler (i. e. der Nazizeit) wiederholt werden.“ Es war aber niemals eine geschlossene Gruppe, sonder es war das feiwillige Miteinander sehr unterschiedlicher Individuen, die sich als Literaten oder als Kritiker für eine neue Literatur in Deutschland und damit im Grunde für eine neue Gesellschaft verantwortlich fühlten. Siegfried Lenz, Martin Walser, Walter Jens, Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Uwe Johnson waren wichtige Namen oder Marcel Reich-Ranitzki, Hans Mayer und Hellmuth Karasek als Kritiker.

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Bei den Treffen wurde nach Aufforderung von Richter (und nur von Richter) gelesen, und dann wurde der Text kommentiert – gelobt, verrissen, was auch immer. Nur der Text, nicht der Autor (der schweigend zuhören musste), nicht irgendwelche grundsätzlichen Ideen. 1966 traf sich die Gruppe auf Einladung durch die Amerikaner in Princeton, und Jörg Magenau beschreibt dieses Treffen, als wäre er selber dabei gewesen, so locker und mit leichter Hand, so voller Ironie und geradezu entwaffnender Beschreibung all der vielen Befindlichkeiten, Ängste, Eifersüchteleien, dass man selber zum schadenfrohen Beobachter wird. Das ist meisterhaft und unterhaltsam.

Kaum zu glauben, dass das Häufchen von deutschen Literaten, immerhin 80 an der Zahl, sich in Princeton ganz für sich hielt, kaum den Kontakt zu den amerikanischen Kollegen suchte, so dass man sich fragen lassen musste, warum man sich eigentlich nicht in der Eifel getroffen hätte. Dass man sich mit politischen Statements zurückhalten sollte – nämlich nicht in kritischer Weise zum gerade tobenden Vietnamkrieg Stellung zu nehmen habe –, war eine der Bedingungen für die Einladung von amerikanischer Seite gewesen.

Magenau entlarvt, nicht böse, sondern auf geradezu komische Weise die Wichtigtuerei einer Intelligentia, die im Saft ihrer eigenen Regeln und Bedingungen schmorte und im Grunde nicht frei und offen und aufgeschlossen war, wie sie sich so gern verstanden hätte. Peter Handke stand am Ende der Tagung auf und kritisierte doch grundsätzlich. Er warf den Autoren „Beschreibungsimpotenz“ vor, und Magenau macht deutlich, dass er damit am besten seinen eigenen Text getroffen habe. Für Handke war es der Aufbruch in die Popularität. Kurze Zeit später erfolgte in Frankfurt seine berühmte „Publikumsbeschimpfung“.

Nach Princeton traf sich die Gruppe 47 nur noch einmal. Sie hatte sich überlebt. Die Jugend suchte in der 68er Revolution andere Betätigungsfelder als die Literatur. Magenau ist eine grandiose, humorvolle Analyse gelungen, nicht nur dieses einmaligen Treffens, sondern der Gruppe 47 überhaupt und ihrer Zeit.

TietzelsTipp: Die Aula (1965) von Hermann Kant

Hermann Kant, Die Aula

Der Autor starb, 90jährig, im August diesen Jahres, und er war einer der bekanntesten Schriftsteller der DDR. Er war Mitglied der SED, Abgeordneter der Volkskammer, Mitglied im PEN-Zentrum Ost und West. Er war involviert in die Ausbürgerung Wolf Biermanns und inoffizieller Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit. Eine zwielichtige Person, so will einem scheinen, und linientreu bis zuletzt. Kann so jemand ein Buch wie „Die Aula“ (erschienen 1965) schreiben, so voller Sprachgewalt und Sprachwitz, so voller scheinbar ironischer Distanz zu den Errungenschaften der neu aufzubauenden sozialistischen Republik? Es fällt einem schwer, die beiden Personen überein zu bringen.

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Kant wurde in Hamburg geboren, diente 1944 in der Wehrmacht und ging, nachdem er aus polnischer Gefangenschaft entlassen war, 1949 in die DDR, wo er die ABF (Arbeiter und Bauernfakultät) besuchte, um die es in diesem Roman geht, der in weiten Teilen autobiografisch ist. In dieser Fakultät gab man unterprivilegierten Personen die Möglichkeit, das Abitur nachzumachen und schließlich zu studieren. Dass alle beschriebenen Menschern hier diese Möglichkeit aufs Beste nutzen und voller Eifer ihr Ziele erreichen, gehört sicher zu den geschönt dargestellten Verhältnissen in der DDR, wie Marcel Reich-Ranicki Kant vorgeworfen hat.

Im Roman wird einem der Protagonisten, Robert Iswall, aufgetragen, zehn Jahre nachdem die Jungen, um die es hier geht, die Fakultät verlassen haben, eine Festrede zur beabsichtigten Schließung dieser Fakultät zu halten. Das veranlasst ihn, über die Vergangenheit nachzusinnen. Erinnerungen an eine tolle Zeit werden wach, in der eine Gruppe von jungen Leuten eine eingeschworene Gemeinschaft gebildet hatte.

Kant gelingt es, diese Zeit sehr lebendig werden zu lassen und teilweise ist das unglaublich komisch. Es erinnert einen an die eigene Jugend mit alle den vielen Facetten an Freud und Leid und Ungeduld und Hoffnung, an all den Unsinn, den man als junger Mensch zu machen pflegt.

Es stimmt, dass die politischen Verhältnisse unkritisch gesehen werden, dass die Republikflucht des einen nicht näher erläutert wird, aber darüber hinaus ist es ein Buch über persönliche Beziehungen und über eine Freundschaft, die in einem einzigen, unerträglichen Augenblick in die Brüche geht. Robert veranlasst aus Eifersucht, dass sein Freund Trullesand für sieben Jahre nach China geschickt wird und dafür eine Kommilitonin, die mitgehen soll, heiraten muss. Am Ende löst sich zwar alles in Wohlgefallen auf, die Partei, die diesen unerhörten Vorgang gebilligt hat, so wurde Kant vorgeworfen, habe also auch hier mal wieder Recht behalten. Das mag einen stören. Aber unabhängig von der politischen Dimension, berührt einen die menschliche Seite dieser Geschichte sehr.

Kant selbst muss einmal gesagt haben, er hoffe, „dass ich jenseits von allem anderen Gut und Böse hin und wieder gesagt kriege: Schuft magst du ja wohl sein, aber schreiben kannst du ganz ordentlich! Das reicht mir!“ Es kann nicht reichen für die Absolution eines, der womöglich große Schuld auf sich geladen hat. Aber für diesen Roman trifft es sicher zu.

TietzelsTipp: Allein gegen die Schwerkraft. Einstein 1914-1918 von Thomas de Padova

Thomas de Padova, Allein gegen die Schwerkraft. Einstein 1914-1918

Ich kann nicht behaupten, nach Lektüre des Buches Einsteins Relativitätstheorie besser verstanden zu haben. Aber dem zwiespältigen Charakter dieses Mannes kommt man gewiss näher. Der Autor wählt für seine fragmentarische Biographie des genialen Physikers die Jahre des Ersten Weltkrieges: Einmal, weil es die Zeit ist, in der Einstein einen Ruf nach Berlin erhält, wo man ihm anbietet, völlig unbehelligt von irgendwelchen Verpflichtungen an seinen Forschungen zu arbeiten. Und zweitens, weil Einstein genau in diesen Jahren der gedankliche Durchbruch für seine allgemeine Relativitätstheorie gelingt. Die Welt um ihn herum gerät in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß aus den Fugen, und er zieht sich in sein Innerstes zurück. Er kann dies, weil er als Besitzer des Schweizer Passes – geboren wurde er allerdings als Deutscher – nicht zum Militär einberufen werden kann. Aber er ist Pazifist und beteiligt sich an politischen Vereinigungen, die gegen den Wahnsinn öffentlich Stellung nehmen. Lediglich seine außerordentliche Berühmtheit rettet Einstein vor weitreichenden polizeilichen Maßnahmen, sein Genie, macht ihn sozusagen unantastbar.

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Seine Professorenkollegen, der Physiker Max Planck und die Chemiker Fritz Haber und Walther Nernst, die ihn nach Berlin geholt hatten, und denen er teilweise auch persönlich sehr nahe stand, gerieten allesamt in einen Kriegstaumel, der uns heute unverständlich scheint, damals aber Allgemeingut war. Eigenartig, dass Einstein sich nicht von ihnen distanzierte. Insbesondere Fritz Haber war für die menschenverachtende Kriegsführung mit Giftgas verantwortlich. Einstein hat ihn dafür niemals auch nur kritisiert. Scheinbar unbehelligt von allem hat er in Berlin weiter an seinen Ideen gearbeitet und seine Lösung gefunden.

Man tut sich ein bisschen schwer mit diesem Phänomen, wie auch der Privatmensch Einstein kein allzu positives Bild abgibt. Von seiner Frau Milena distanziert er sich schon beim Umzug nach Berlin im Frühjahr 1914, weil er ein Verhältnis mit seiner Cousine Elsa hat. Er treibt die Missachtung seiner Frau so weit, dass diese ihn bereits im Juli 1914 verlässt und mit beiden Söhnen zurück nach Zürich geht. Um die Söhne tut es ihm irgendwie leid, aber auch später hat er sich um deren Liebe und Wohlwollen nicht wirklich bemüht. Er ist ein Eigenbrödler und weiß, dass er im Grunde allein bleiben sollte. Da er aber kränkelt, nimmt er Elsas Hilfe, die sich rührend um ihn kümmert, dankbar an. Er wird sie nach langem Zögern 1919 schließlich doch heiraten, nicht ohne darüber nachzudenken, ob er nicht lieber deren Tochter Ilse zur Frau nehmen soll.

De Padova gelingt es, die wissenschaftliche, die menschliche und alle anderen Facetten dieses Menschen auf interessante Weise mit einem sehr lebhaften Bild des damaligen Deutschlands und vor allem Berlins zu verschmelzen. Man lernt außerdem viel, auch über die ungeheuer beeindruckende Art und Weise von Einsteins Denken. Und es wird einem bewusst, dass man einem Genie nicht mit normalen Maßstäben beikommen kann.

TietzelsTipp: Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen

In Zeiten, in denen ganz Deutschland wegen der „Flüchtlingskrise“ aufgeregt diskutiert, tut es gut, dieses Buch in die Hand zu nehmen, das ruhig, gleichwohl eindringlich und einfühlsam vermittelt, worum es eigentlich geht: um Menschen nämlich, von denen jeder sein eigenes Schicksal mit sich herum trägt. Und diese Menschen – hier sind es in Berlin gestrandete Schwarzafrikaner – haben zum großen Teil furchtbare Dinge erlebt, haben gesehen, wie Eltern und Kinder getötet wurden, haben selber, bei einer furchterregenden Fahrt über das Mittelmeer, dem Tod ins Auge geblickt und wollen jetzt nur noch eines: weiterleben, in Ruhe und Frieden, wollen arbeiten, um sich genau das zu ermöglichen.

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Dem gegenüber gibt es Gesetze, die genau das verhindern. Diese Menschen haben Europa in Italien betreten, und also ist Italien für sie zuständig, nicht Berlin und nicht Deutschland. In Italien aber hat man sie auf die Straße geschickt. Dort könnten sie sich Arbeit suchen. Aber sie finden keine. Und so sind sie weiter gezogen. Jenny Erpenbeck schildert diese Situation gänzlich unaufgeregt, ohne anzuklagen, ohne aber auch billige Lösungen anzubieten, oder überhaupt Lösungen. Unaufgeregt ist auch ihr Protagonist, Richard, ein gerade emeritierter Hochschulprofessor. Er wird aufmerksam auf die Afrikaner, die auf dem Oranienplatz wild campieren und von dort in verschiedene Unterkünfte gebracht werden. Er findet, ein bisschen verwunderlich vielleicht, dass zwischen diesen „aus der Zeit Gefallenen“ – die nämlich mit ihrer Zeit so gar nichts anfangen dürfen – und ihm selber eine gewisse Beziehung besteht, denn er hat noch nicht gelernt, mit der vielen Zeit, die ihm jetzt gegeben ist, sinnvoll umzugehen.

Richard sucht die Afrikaner auf, zunächst unter dem Vorwand einer wissenschaftlichen Untersuchung, und befragt sie. Von allem Anfang an aber sind das keine Interviews sondern ganz persönliche Gespräche. Gespräche zwischen Richard, der auf der einen, der „richtigen“ Seite steht und den anderen, denen auf der „falschen“ Seite, die hier nicht hin gehören und, auch das ist klar, die nicht werden bleiben dürfen. In dem Augenblick, in dem Richard (und der aufgeschlossene Leser) die Schicksale der Männer und ihre schreckliche Not kennenlernt, begreift er, wie grausam, wie menschenverachtend, wie inhuman das Vorgehen einer Verwaltung nach den vorhandenen, gültigen Gesetzen ist. Niemandem ist ein Vorwurf zumachen. Es schnürt einem die Kehle zu.

Richard hilft. Durch seine Gespräche, sein Interesse, seine Zuwendung, schließlich ganz konkret, indem er einige der Schwarzen, die abgeschoben werden sollen, bei sich wohnen lässt und auch seine Freunde dazu animiert. Das ist kein positives Ende, denn das ist keine dauerhafte Lösung. Es zeigt aber, wie wichtig es ist, jeden Menschen, der geflohen ist, als Menschen wahrzunehmen und sich ihm gegenüber als Mensch zu verhalten. Wenigstens das kann solchen Verlorenen ein Stück ihrer Würde erhalten. Ein ergreifendes, auch sprachlich wunderbares Buch.

Wer nichts sieht, der weiß auch nichts

von Beate Kehren-Boehm

1kr-one

Wer nichts sieht, der weiß auch nichts.

Diesen Satz habe ich immer vor Augen, wenn ich durch die Stadt gehe oder fahre. Es gibt so viel zu sehen, dass unser Wissen um die Stadtgeschichte erweitert oder erweitern könnte.

Als Beispiel die alten Villen der Fabrikanten. Die „Reviere“ in unserer Stadt. Wer hat hier gewohnt? Welche Geschichte wird da geschrieben? Zu nennen wären da auch die Villa Poelzig, Haus Gompertz, Haus van Heys, Villa Wirichs, Revier Ulmenstrasse, Villa Waldhof… um nur einige Orte zu nennen.

Krefelder Gärten und Parks sind immer eine Reise wert. Überall gibt es etwas zu sehen und Daheim kann man sein Wissen um die Geschichte der Stadt auffrischen oder auch ergänzen.

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Wir haben uns zuletzt auf den Weg gemacht und haben Wetterfahnen und alte Wetterhähne gesucht. Bei dieser Gelegenheit kann man seinen Blick auf schöne Häuser mit wunderbarem Stuck bewundern oder auch alte Haustüren. Es existieren Wandbilder aus den 50er Jahren, Brunnen, Wasserspiele und noch zahlreiche Denkmäler.

In den letzten zwei oder bald drei Jahren befindet sich die Stadt in großen Veränderungen. Überall wird gebaut – manchmal nicht mit der Zufriedenheit der Bürger. Aber man muss nicht alles schön finden. Hauptsache, es passiert etwas und wenn dann alle sorgsam mit allem NEUEN umgehen, wird das Stadtbild auch wieder schön werden.


Wer nichts sieht, der weiß auch nichts.

Ich hatte Bedenken mit der „Pokemon-Sucht“ – wollte aber auch nicht zu der heutigen Miesepeter-Gesellschaft gehören. Also: abwarten! Nun muss ich sagen, das die neuen Reize und Trends mich mitgezogen haben – obwohl ich mich nicht der Masse anschließen wollte. Ich werde das Pokemon auch nicht nutzen, da ich mit meinem Handy nur telefoniere. Aber mich begeistert es, das die Jugend zur Zeit ein verstärktes Teamwork entwickelt und sich mehr Bewegung gönnt. Es ist also erstmal nicht alles schlecht. Ich erinnere an unsere Schnitzeljagd – im Prinzip ähnlich!

Der 23jährige Sohn ist z.B. früh aus dem Haus mit der Freundin. Man trifft sich mit anderen Fans, um die Stadt zu erkunden. Das finde ich mehr als positiv – denn dabei lernen sie etwas. Denn es ist jetzt Sonntagnacht, etwa 1:09 Uhr und hier in Uerdingen sitzen etwa 35 junge Leute auf dem Mäuerchen, andere mit Campingstühlen vor dem Nord-West-Türmchen an der ehemaligen Stadtmauer um einen Pokemon einzufangen. Ich bin mir sicher, dass die meisten vorher das Türmchen nicht kannten.

Wie das im Strassenverkehr ablaufen soll, weiß ich nicht, aber da kommt jetzt das Stichwort Eigenverantwortung ins Spiel.

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Fotos
No 1 – Blick von der Terrasse der KR-ONE im Behnischgebäude

No 2 – Rheinoase

No 3 – Am Rheintor

No 4 – Burg Linn

No 5 – Museum

TietzelsTipp: Männer mit Erfahrung von Castle Freeman

Castle Freeman, Männer mit Erfahrung

Ich warne Sie: dies ist keine ernst zunehmende Literatur, hier geht es nicht um erbauliche Gedanken oder um Probleme, mit denen man sich immer schon mal auseinander setzen wollte.

Das hier ist einen einfache Geschichte, mit einfachen Menschen, und am Ende des Tages ist sie auch schon vorbei. Sie geht gut aus, das heißt: schlecht. Und das ist gut. Die Sprache besteht aus kurzen, klaren Sätzen, und wenn es sich um wörtliche Rede handelt – das tut es fast ausschließlich – werden einem die Wörter wie Pingpong-Bälle um die Ohren gehauen. So hetzt man durch dieses kurze Buch, und wenn man nicht schon am Anfang genervt entscheidet, dass das nicht die Art Roman ist, auf die man sich einlassen möchte, dann liest man die Story in einem Rutsch durch. Denn sie ist spannend, von absurder Komik und irgendwie nicht ganz von dieser Welt.

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Eine junge Frau, Lillian, wird in einem Kaff in Vermont, USA, von einem Mann bedroht, einem Bösewicht, der sie fertig machen will. Und sie will sich das, gegen alle Vernunft, nicht gefallen lassen. Der Sheriff des Ortes, Hüter von Recht und Ordnung, den sie um Hilfe bittet, erklärt ihr, dass er ihr nicht helfen kann, weil ja noch nichts geschehen ist. Er verweist sie auf einen Typen, der diesen Blackway, den Bösen, kennt und ihr – vielleicht – helfen wird. Zunächst schickt er sie zu Whizzer, dem Besitzer einer nicht mehr existierenden Stuhlfabrik. Whizzer sitzt im Rollstuhl. Er ist uralt, wie seine Freunde, die mit ihm ihre Tage redend und Bier trinkend „rumbringen“. Es ist nicht sofort offensichtlich, aber das sind Männer mit Erfahrung. Auch Lillian kapiert das zunächst überhaupt nicht. Was dann geschieht, wie diese junge, eigensinnige, sture Person mit den langen Haaren widerwillig und verzweifelt mit einem starken Dummkopf und einem sehr alten Mann loszieht, um den Bösen fortan davon abzuhalten, ihr weiterhin nachzustellen, das ist so aberwitzig wie logisch.

Das Unternehmen scheint völlig aussichtslos, weil die Gegner so ungleich sind und eigentlich von allem Anfang an klar ist, dass das Gute sich niemals gegen das Böse durchsetzen kann. Denn Blackway tyrannisiert die Gegend nicht erst seit gestern, und der Sheriff hat die Lady aus gutem Grund abblitzen lassen. Andererseits ist das Böse irgendwie einseitig und scheint nur eine Richtung zu kennen. Les dagegen, der alte Mann, der sich zusammen mit dem etwas tumben aber furchtlosen Nate the Great, wie man ihn nennt, auf das Abenteuer eingelassen hat, ist ziemlich gerissen und kennt einige Tricks: auch er ein Mann von Erfahrung eben.

Dem Autor gelingt es, die ganze haarsträubende Geschichte völlig plausibel zu machen. Denn dass Lillian darauf besteht, nicht sie habe vor dem Bösen zu kuschen, sondern das Böse selbst müsse aufhören, nötigt den alten Männern Respekt ab. Deswegen hilft man ihr. Man zieht es durch bis zum Ende, wie es heißt. Wie im Wilden Westen. Spannend, lustig, verblüffend, beruhigend und trotz des unschönen Endes oder gerade deswegen: tief befriedigend.

TietzelsTipp: „Einfach nur weg. Die Flucht der Kinder“ von Ute Schaeffer

Ute Schaeffer, Einfach nur weg. Die Flucht der Kinder

Die Autorin war Chefredakteurin bei der Deutschen Welle und hat aus einigen der Länder, um die es in diesem Buch geht, Bericht erstattet und kennt sie aus eigener Anschauung. Das mag geholfen haben bei der nicht immer leichten Annäherung an zwölf minderjährige Jungendliche, die sich ohne ihre Eltern oder andere Familienangehörige auf die Flucht begeben haben und inzwischen in Deutschland gestrandet sind.

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Alle diese Jugendlichen – neun Jungen und drei Mädchen – haben Schreckliches erlebt auf ihrer Flucht, aber ebenso traumatisch waren die Erlebnisse in ihren Heimatländern, die zu der Flucht geführt haben als dem einzig möglichen Weg, das eigene Überleben zu sichern. Ganz deutlich wird, dass keines der Kinder je von sich aus daran gedacht hat, die Heimat zu verlassen. Und Deutschland als Ziel hat bei kaum einem im Vordergrund gestanden, ja manche hatten von Europa nicht einmal eine Vorstellung. Der erste Impuls, der Anstoß zur Flucht, lag immer in den Verhältnissen vor Ort. Man wollte weg von dort, wo das Leben nicht mehr möglich war, und zwar egal wohin. Die Gründe waren unterschiedlich: sei es, wie im Fall von Ali aus Sierra Leone, dass seine Mutter an Ebola erkrankt und gestorben war und er selber daraufhin von allen gemieden wurde. Als eine Art Aussätziger fand er keine Arbeit mehr, konnte sich nicht mehr ernähren. Sei es, dass religiöse Fanatiker in Somalia die jungen Männer bedrohten und bedrängten, sich dem IS anzuschließen oder selber getötet zu werden, sei es wie im Fall von Yamina aus Guinea, dass kriegerische Auseinandersetzungen zur Ermordung der Eltern und Vergewaltigung der Schwester führten, die daran starb.

Im Schrecken und in der Grausamkeit ähneln sich die traumatischen Erlebnisse, auch die auf der Flucht, auf der ausnahmslos alle die Erfahrung machen mussten, von menschenverachtenden Schleppern ausgenommen, wie Vieh behandelt, manchmal regelrecht verkauft oder als Geiseln genommen zu werden, um immer mehr Geld aus ihnen heraus zu pressen. Das alles zu lesen macht einen fassungslos, hilflos und wütend. Es beweist, in welchem Maße Menschen zu ungebremster Brutalität im Eigennutz fähig sind, und man verliert den Glauben daran, dass sich jemals in dieser Welt etwas zum Guten wenden könnte. Es mag ein kleiner Trost sein, dass manche der Flüchtlinge auch Hilfe erfahren haben und dass ausgerechnet Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern eine positive Rolle spielt.

Inzwischen, im Mai 2016, wird in der Zeitung von ca. 65.000 unbegleiteten Minderjährigen allein in Deutschland berichtet, und das bringt sicher viele Probleme mit sich, die nicht geleugnet werden sollen. Dieses Buch verweist aber bei allem auf zwei sehr wichtige Punkte: erstens, jedes dieser Kinder ist ein Individuum mit einem eigenen, zumeist furchtbaren Schicksal. Das sollten wir niemals vergessen und nicht aufhören, uns menschlich um sie zu kümmern. Und zweitens: junge Menschen, die solche Erfahrungen gemacht und überlebt haben, sind stark und Kämpfernaturen, denen wir helfen sollten. Am Ende werden sie uns helfen.

TietzelsTipp: „Willkommen auf Skios“ von Michael Frayn

Michael Frayn, Willkommen auf Skios

Mögen Sie Slapstick? Wenn nicht, lassen Sie die Finger von diesem Roman. Wenn Sie aber bereit sind, sich auf völlig verrückte Unwahrscheinlichkeiten einzulassen, werden Sie sich wahrscheinlich amüsieren.

Es ist wie bei diesen Boulevard-Komödien, bei denen Personen verwechselt werden und die Auflösung erst ganz zum Schluss erfolgt, weil vorher immer auf der rechten Seite der Bühne die Türen aufgehen, während sie sich im selben Moment auf der linken Seite schließen. Wie in Stücken, in denen immer im richtigen Moment die falsche Person auftaucht: hier auf der griechischen Insel Skios. Der charmante Frauenheld (und auch sonstige Versager), Oliver Fox, lässt sich anstelle eines ihm völlig unbekannten Wissenschaftlers, Dr. Norman Wilfred, von der hübschen Assistentin einer namhaften Stiftung abholen und schlüpft in dessen Rolle. Durch die Verwechslung von Koffern wird der richtige Dr. Wilfred am Flughafen aufgehalten und schließlich, weil er, wichtiger Mann der er ist, sich nicht mehr an die Adresse der Stiftung erinnern kann, wo er seinen noch wichtigeren Vortag halten soll, von einem Taxifahrer zu einen Haus am Ende der Welt gebracht, in dem eigentlich Oliver Fox landen sollte.

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Es macht nichts, dass die ganze Geschichte völlig blödsinnig ist, dass man nicht wirklich glauben kann, dass ein zwar sympathischer aber unbedarfter Hallodri eine ganze vornehme und eigentlich gebildete Gesellschaft an der Nase herumführen kann. Das ist vorhersehbar und gewollt absurd, und man kann über die Dummheit der Schönen und Reichen und Eingebildeten und Arroganten, die sich so leicht täuschen lassen, schadenfroh lachen.

Dass der entgeisterte Wissenschaftler, der zunächst noch glaubt, tatsächlich in der Stiftung gelandet zu sein und über eine Telefondame der Stiftung, die ihn ebenfalls auf dem Gelände glaubt, mehrmals und bis zur Erschöpfung in die Irre geschickt wird, dass er nachts von der Freundin des Oliver Fox, die ihren Freund in diesem Bett vorzufinden hofft, auf äußerst angenehme Weise geweckt wird und tausend andere höchst unglaubliche Verwicklungen, nimmt man ungerührt hin, wenn man sich einmal darauf eingelassen hat.

Zwei skurrile Taxifahrer, Brüder, die augenscheinlich neben dem Flughafen nur zwei Adressen auf der Insel kennen, nämlich die der Stiftung und die des abgelegenen Hauses, tragen das Ihre zu dem absurden Theater bei. Alles spielt sich wie ein Film vor unserem inneren Auge ab. Manchmal habe ich laut aufgelacht, zum Beispiel, weil ich mir vorstellte, wie das wohl ist, wenn ein Koffer aus dem Taxi geworfen wird. Zum Schluss allerdings wurde es mir ein bisschen viel.

Der Showdown, nämlich die brennende Frage, was passiert, wenn der große Ahnungslose jetzt einen wissenschaftlichen Vortrag halten soll, gerät dann auch wirklich zu einer kleinen Apokalypse. Was denn sonst. Amüsante Unterhaltung.

TietzelsTipp: „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry,

Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz

Das Buch – eines der berühmtesten Kinderbücher der Welt – braucht man niemandem vorzustellen. Aber nachdem 2015 die Rechte des Karl Rauch Verlags, Düsseldorf, abgelaufen sind, gibt es eine Reihe neuer Übersetzungen, über die man vielleicht nachdenken kann.

Die Mediothek bietet neben der ersten Übersetzung ins Deutsche von Grete und Josef Leitgreb aus dem Jahr 1950 (Exemplar leider stark ramponiert) zwei neue Übersetzungen von 2015 an, die Reclam-Ausgabe mit dem Text von Ulrich Bossier und die Prachtausgabe aus dem Arche-Verlag mit der Übersetzung von Hans Magnus Enzensberger.

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In einem Artikel in der FAZ vom Februar 2015 kommentiert Felicitas von Lovenberg diese und weitere Neu-Übersetzungen. Dort zitiert sie eine Bemerkung des Rauch-Verlegers, der behauptet, dass die „meist wertkonservativen Deutschen“ den „Klang der Originalübersetzung“, nämlich der von 1950, besonders schätzen würden. Und sicher kennen die meisten Leser eben diesen Text, der ihnen also vertraut ist.

Aber erstens kann es meiner Meinung nach eine „Originalübersetzung“ logischerweise gar nicht geben. Es gibt eine erste Übersetzung, aber die ist nicht „originaler“ als alle anderen. Jeder Übersetzer hat ein anderes Sprachgefühl und bringt deshalb seine eigene – originale – Übersetzung hervor. Zweitens stimmte es aber auch, dass der Zeitpunkt einer Übersetzung eine Rolle spielt, denn unsere Sprache ist zeitgebunden.

Wenn man jetzt die Ausgabe von 1950 zur Hand nimmt, dann kommt sie einem doch ein bisschen bieder vor. Ausdrücke wie „die großen Leute“ statt „Erwachsene“ oder „kleines Kerlchen“ und „Weisung“ statt „Vorschrift“ oder „der Eitle“, das liest man heute anders. Andererseits sind bestimmte Sätze unübertroffen. Wenn der Fuchs wissen will, ob es auf dem Planeten des kleinen Prinzen Jäger gibt, und der kleine Prinz verneint, wenn der Fuchs weiter hoffnungsfroh fragt, ob es dort Hühner gibt und er wiederum ein „Nein“ hört, seufzt er: „Nichts ist vollkommen“. Enzensbergers „Na ja, nichts auf der Welt ist wie im Paradies“ hört sich dagegen etwas gewollt an. Bossier lässt es bei der alten Übersetzung. Überhaupt, da wo die Leitgrebs eine besonders gute Formulierung gefunden haben, übernehmen viele der weiteren Übersetzer sie klugerweise. Denn manches ist einfach nicht besser zu machen. Auch der Hauptsatz: “Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ (Leitgreb, Bossier) wird durch Enzensberger nicht wirklich schöner ausgedrückt: „Man begreift gar nichts, wenn das Herz nicht dabei ist. Das, worauf es ankommt, ist mit bloßem Auge nicht zu sehen.“

Ob man Kinder heute noch mit dem „kleinen Prinzen“ berühren kann? Es schien mir immer schon eigentlich ein Buch für Ältere, denn es ist nicht nur einfach geschrieben, sondern durchaus hintergründig. Auf jeden Fall glaube ich, dass es der moderneren Sprache der beiden Neu-Übersetzungen eher gelingen kann, die Kinder von heute zu erreichen.

Sie wollten nur einen Tisch tragen und fanden DAS!!

Hallo zusammen,

einmal, nur ein einziges Mal wollten wir auch so einen „Clickbait“-Artikel posten ;). Dabei geht uns der Grund für dieses Posting ganz schön auf die Nerven. Aber der Reihe nach. Letzte Woche hatten wir eine Veranstaltung in den Studios. Dafür mussten Tische rausgetragen werden….alles so wie immer halt. Bis und einer der Füße des Tische vor unsere eigenen fiel. Alle Schrauben waren weg….

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Die fanden wir dann, nach einigem suchen, überall im Studio verteilt. Unter andere Tische geklebt, auf der Gaderobe, auf der Fensterbank….

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Direkt neben dem defekten Tisch steht Nele an der Wand….also der Name, nicht Nele. Ein Indiz? War es diese ominöse Nele….oder hat die Schmiererei eventuell gar nichts mit der Sabotage zu tun?

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Mal ganz im Ernst Leute, das ist Scheiße! Wir stellen Euch da jeden Morgen die Studios zum lernen und abhängen zur Verfügung und sagen ja schon gar nichts, wenn es da Abends aussieht wie nach dem Oktoberfest am Kotzhügel…aber wenn ihr jetzt ernsthaft anfangt, das Möbilar auseinander zu bauen, dann müssen wir uns was überlegen…..was in letzter Konsequenz heißt, dass wir Euch die Studios so nicht mehr anbieten können….das finden wir Kacke und ihr sicher auch….also, fürs erste Mal, zwar angenervt aber, Schwamm drüber….aber seht zu, dass es da zu keiner Wiederholung kommt, ok?
Wir müssen das Teil nämlich wieder zusammenbauen….und es ist jetzt nicht gerade so, dass wir in der Mediothek nicht auch noch ein paar andere, wichtigere Dinge zu tun hätten…

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Kommt alle gut in den Tag, Leute
Euer Mediotheksteam