Wer nichts sieht, der weiß auch nichts

von Beate Kehren-Boehm

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Wer nichts sieht, der weiß auch nichts.

Diesen Satz habe ich immer vor Augen, wenn ich durch die Stadt gehe oder fahre. Es gibt so viel zu sehen, dass unser Wissen um die Stadtgeschichte erweitert oder erweitern könnte.

Als Beispiel die alten Villen der Fabrikanten. Die „Reviere“ in unserer Stadt. Wer hat hier gewohnt? Welche Geschichte wird da geschrieben? Zu nennen wären da auch die Villa Poelzig, Haus Gompertz, Haus van Heys, Villa Wirichs, Revier Ulmenstrasse, Villa Waldhof… um nur einige Orte zu nennen.

Krefelder Gärten und Parks sind immer eine Reise wert. Überall gibt es etwas zu sehen und Daheim kann man sein Wissen um die Geschichte der Stadt auffrischen oder auch ergänzen.

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Wir haben uns zuletzt auf den Weg gemacht und haben Wetterfahnen und alte Wetterhähne gesucht. Bei dieser Gelegenheit kann man seinen Blick auf schöne Häuser mit wunderbarem Stuck bewundern oder auch alte Haustüren. Es existieren Wandbilder aus den 50er Jahren, Brunnen, Wasserspiele und noch zahlreiche Denkmäler.

In den letzten zwei oder bald drei Jahren befindet sich die Stadt in großen Veränderungen. Überall wird gebaut – manchmal nicht mit der Zufriedenheit der Bürger. Aber man muss nicht alles schön finden. Hauptsache, es passiert etwas und wenn dann alle sorgsam mit allem NEUEN umgehen, wird das Stadtbild auch wieder schön werden.


Wer nichts sieht, der weiß auch nichts.

Ich hatte Bedenken mit der „Pokemon-Sucht“ – wollte aber auch nicht zu der heutigen Miesepeter-Gesellschaft gehören. Also: abwarten! Nun muss ich sagen, das die neuen Reize und Trends mich mitgezogen haben – obwohl ich mich nicht der Masse anschließen wollte. Ich werde das Pokemon auch nicht nutzen, da ich mit meinem Handy nur telefoniere. Aber mich begeistert es, das die Jugend zur Zeit ein verstärktes Teamwork entwickelt und sich mehr Bewegung gönnt. Es ist also erstmal nicht alles schlecht. Ich erinnere an unsere Schnitzeljagd – im Prinzip ähnlich!

Der 23jährige Sohn ist z.B. früh aus dem Haus mit der Freundin. Man trifft sich mit anderen Fans, um die Stadt zu erkunden. Das finde ich mehr als positiv – denn dabei lernen sie etwas. Denn es ist jetzt Sonntagnacht, etwa 1:09 Uhr und hier in Uerdingen sitzen etwa 35 junge Leute auf dem Mäuerchen, andere mit Campingstühlen vor dem Nord-West-Türmchen an der ehemaligen Stadtmauer um einen Pokemon einzufangen. Ich bin mir sicher, dass die meisten vorher das Türmchen nicht kannten.

Wie das im Strassenverkehr ablaufen soll, weiß ich nicht, aber da kommt jetzt das Stichwort Eigenverantwortung ins Spiel.

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Fotos
No 1 – Blick von der Terrasse der KR-ONE im Behnischgebäude

No 2 – Rheinoase

No 3 – Am Rheintor

No 4 – Burg Linn

No 5 – Museum

Besuch im Kaiser-Wilhelm-Museum

Besuch im Kaiser-Wilhelm-Museum von Beate Kehren-Böhm

Am ersten Wochenende im April konnten wir als Gruppe von 24 netten Nasen unter der Leitung von Herrn Janzen das renovierte und auch restaurierte Kaiser-Wilhelm-Museum besuchen. In knapp zwei Stunden versorgte uns Herr Janzen mit außergewöhnlichen Informationen und auch „Insider-Wissen“. Dafür noch einmal ein großes DANKESCHÖN!

Weiße leere Wände und Räume voller Licht konnten wir als Besucher wohltuend wahrnehmen. Kunst gab es nur in einem Raum – das nach 40 Jahren wieder in vier Wandbereichen freigelegte Gemälde von Johan Thorn Prikker, das der Künstler 1923 gestaltet hatte.

Allerdings hat es mich erstaunt, dass einige Krefelder so wenig über das Museum und vor allen Dingen zum Namensgeber Kaiser-Wilhelm I wissen. Ein großer Fehler beruht auch darin, dass die Vermutung, es ginge hier um Kaiser Wilhelm I I wirklich völlig falsch ist.

Dazu aus dem Bundesarchiv Bild 102-00625A: Kaiser Wilhelm I. mit Sohn, Enkel und Urenkel:

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Wilhelm I.: * 22. März 1797 † 9. März 1888 – Kaiser ab 1871

Friedrich III.: 18. Oktober 1831 † 15. Juni 1888 99-Tage-Kaiser,

Wilhelm II.: 27. Januar 1859 in Berlin; † 4. Juni 1941 in Doorn, von 1888 bis 1918 letzter Deutscher Kaiser und König von Preußen

Wilhelm: 1882-1951, Kronprinz, Chef des Hauses Hohenzollern 1941-1951 * 6. Mai 1882 † 20. Juli 1951 in Hechingen

Als Wilhelm I am 9ten März 1888 stirbt, wünschten Stadtverordnete und Bürger ein Denkmal zu Ehren des Kaisers. So entstand der Gedanke nach einem Standbild und nach einem Museum, das aus zum großen Teil privaten Mitteln finanziert werden sollte. Die Sammelaktion wurde großartig mit damals 100.000,- Mark unterstützt von Marianne Rhodius.

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Mein Urgroßvater hat mich 1957 oder 1958 erstmalig in das Museum geführt und damals ging ich noch nicht zur Schule. Wenn ich später bei den Urahnen auf der Gabelsbergerstrasse zu Besuch war, waren Einkäufe immer auf der Marktstrasse geplant – angefangen bei Casaretto, im Sommer ein kleines Bier für den Uropa bei Herbst, Fischbörse, später dann auch die Sparkasse, Kerfs, Sommer auf der linken Seite und an der Kreuzung zum Metzger – daneben war einer der ersten Selbstbedienungsläden in Krefeld. Konsum und später Rewe? Das weiß ich nicht mehr. Aber dass wir manchmal zuerst in das Kaiser-Wilhelm-Museum gingen, gehört zu meinen selbstverständlichen Erinnerungen. Immer mit einer kleinen Kletterei auf dem Relief von Luis Tuaillon verbunden. Auch heute noch ein Objekt der Kinder zum klettern.

Sehr gut kann ich mich an den imposanten Treppenaufgang im Museum erinnern und an die große Kaiser-Figur, die dort seit 1899 in der Nische stand. Das erklärt heute jedem Passanten die unbehauene Rückseite . Das folgende Foto stammt aus meiner Postkartensammlung:

3-TreppenaufgangMit der absolut umfangreichen Baumaßnahme der letzten Jahre gehört auch ganz sicher die Anhebung des Daches im nördlichen Flügel. Hier wurde mit dieser Baumaßnahme einiges an Platz dazu geschaffen. Der neue Bereich ist auf dem folgenden Foto gut erkennbar.

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Etwa 12.000 Besucher waren an diesem ersten April-Wochenende im neu eröffneten Kaiser-Wilhelm-Museum. Die Besucher aus unserer Gruppe vergessen nicht die 17,7 Millionen Euro, die diese Renovierung gekostet hat. Allerdings sehen wir hier einen fantastischen Umbau, der für die kommenden Generationen erhalten werden konnte. Chapeau!

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Ein ganz besonderes Vergnügen war die Veranstaltung am Sonntagabend um 20:30 Uhr. Trotz leichtem, zeitweiligem Nieselregen stand der Westwall voll mit Menschen, die teilweise staunend das Spektakel beobachteten. Meiner Familie und mir hat diese bunte Aktion gut gefallen – auch wenn der Mann neben uns seiner Gattin zuraunte „ na ja, für Krefeld ging das ja so“
Ach, diese Pessimisten und ewigen Nörgler….. unverbesserlich!

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Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Museums ist am 2ten Juli 2016

Wer mehr über die grandiose Abschlußveranstaltung sehen möchte, kann dies auf dem YouTube-Kanal unter >>>
Abschlußveranstaltung Kaiser-Wilhelm-Museum Krefeld“ oder unter „Kaiser-Wilhelm-Museum Krefeld Abschlußveranstaltung

Gastbeitrag: Crefelder Geschichte – Der Flohmarkt in der Mediothek Krefeld

Hi zusammen,

Beate Kehren-Böhm, ihres Zeichen Admin der Facebookgruppe „Crefelder Geschichte“ hat uns mal wieder einen tollen Beitrag geschickt….schaut selbst:

Der Flohmarkt in der Mediothek Krefeld

Erstens: ich mag besonders Bücher über Krefeld und auch historische Romane – sehr sogar!!

Zweitens: als Leser sollte man unbedingt auf die Ankündigungen zu den Flohmärkten achten, die zweimal im Jahr an einem Freitag und Samstag in der Mediothek Krefeld stattfinden.

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Drittens: in der Mediothek befinden sich zwei Flohmarktständer im Bereich der Treppe zum Kinder- und Jugendbereich. Diese Flohmarktständer umkreise ich wie eine Motte das Licht und komme nie daran vorbei – schwierig auch am Regal vor der Kasse!! Die Auswahl ist nicht großzügig – aber man muss ja auch nicht bei jedem Besuch dort etwas passendes finden. Allerdings hat hier jeder Leser die Möglichkeit, mit einem kleinen Obolus die Mediothek zu unterstützen und etwas für sein Leseglück zu finden.

IMG_1458Wenn ich dann einen historischen Roman erworben habe, in dem ein wenig unsere Stadt beschrieben wird, wird fast jedes Buch für mich zum Leckerbissen. Eine Beute aus dem Flohmarktständer der Mediothek war vor wenigen Wochen und nur für einen Euro „Maries Schuldschein“ – eine gemütliche Geschichte mit dem Gewicht im politischen Geschehen der damaligen Zeit nach 1804

Zusammengefasst: im französisch besetzte Rheinland zu Beginn des 19. Jahrhunderts heiratet Marie den Mitinhaber einer Leinen- und Tuchweberei. Sie zieht mit ihrem Mann nach Krefeld und sie kaufen ein Haus in der Nähe des Schwanenmarktes. Hier gefällt es ihr gut und als Katholikin besucht sie die Dionysiuskirche – der Pfarrer wird ein Freund des Hauses.

Ein schönes Städtchen mit geraden und sauberen, kleinen Straßen. Auf dem Neumarkt kauft sie mit der jungen Magd Obst und Gemüse. Vor der Haustüre werden Butter, Eier und Käse angeboten. Auf der Rheinstraße lernt sie den Weber Scheuten und seine Familie kennen. Beeindruckt von den Arbeiten der Weber und den bunten Stoffen, übersieht sie nicht die oft extreme Enge in den kleinen Häusern und die meist vorhandene Armut.

Manchmal fühlte sie sich bei den angebotenen Speisen sogar heimisch. Denn im Rhein gab es den Lachs in Hülle und Fülle – ob Köln oder Krefeld, schwimmend kam der Lachs an den zahlreichen Anglern vorbei. Diese verkauften ihren frischen Lachs an Hausfrauen, Mägde und Köchinnen. Manchmal war so ein Fisch für die sparsame Wirtschafterin preiswerter als ein Schwarzbrot. Gebraten konnte er eine Köstlichkeit seit – aber es soll Mägde gegeben haben, die „keinen Lachs“ im Arbeitsvertrag stehen hatten. Andere trauten sich oft nichts zu sagen und gaben lieber der Katze etwas ab.

Nach einem kurzen Eheglück kehrt sie verwitwet mit ihrer kleinen Tochter in das Elternhaus nach Köln zurück. Dort schließt sie sich einer Runde Intellektueller und Freigeister an, die sich mit dem Leben unter dem französischen Regiment arrangiert haben. Sie findet in den Armen des Druckers Jakob auch ein neues Lebensglück, das jedoch nicht lange ungetrübt bleibt. Denn nach der Hochzeit kommt Maries Schwager aus Krefeld und spinnt neue Intrigen gegen die junge Familie. Schon einmal hatte der Krefelder Tuchfabrikant Marie betrogen: Nach dem Tod ihres Mannes stellte er ihr einen Schuldschein aus, dessen Wert sich nur auf einen Bruchteil des ihr zustehenden Erbes belief.

Die Eltern unterstützen Marie und als Großeltern lieben sie ihre kleine Enkelin Hannah und diese mag das „Kitzelspiel“, das mein Urgroßvater zu unserem größten Vergnügen auch mit uns spielte:

Ein Kätzchen,

ein Kälbchen,

ein Gänschen –

ein Killekilleschwänzchen!

…..und blitzschnell kam eine Hand und kitzelte, bis die Kinder kaum noch Luft bekamen und vor Vergnügen kreischten.

Das Sauerkraut-Rezept der Witwe Köhler:
„Sauerkraut-Reibekuchen. Man nimmt frisches Sauerkraut, schneidet es klein und rührt ein paar geriebene Kartoffeln unter. Etwas Kompott dazu – lecker“!

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Als die Preußen Köln besetzen, muss Jakob seine Druckerei schließen. Er geht nach Brabant, um sich den Truppen Napoleons anzuschließen. Wieder alleine, sieht sich Marie den Machenschaften ihres zwielichtigen Schwagers ausgesetzt. Sie entschließt sich mit der Unterstützung einiger Freunde zu einem riskanten Täuschungsmanöver. Das Manöver kann Marie als Erfolg verbuchen und sie findet einen Weg, ihr Geld demnächst aus Köln zu schmuggeln. In Nancy fangen sie ein neues Leben an: Hannah, Jakob und seine Marie.

„Maries Schuldschein“ von Werner Meffert aus dem Droste-Verlag
der Buchtitel ist ein Ausschnitt aus dem Gemälde von Heinrich Maria Hess „Marchesa Florenzi“ mit einem Ausschnitt aus der Kölnansicht von Johann Heinrich Hintze

TietzelsTipp: Die kürzeste Geschichte Europas von John Hirst

John Hirst, Die kürzeste Geschichte Europas

Das ist eine sehr ungewöhnliche und kühne Idee des australischen Historikers John Hirst, auf so wenigen (ca. 200) Seiten die gesamte europäische Geschichte vom griechischen Altertum über das Mittelalter bis zur Neuzeit zu schreiben, wobei er um 18oo aufhört, sozusagen mit der französischen Revolution. Aber es funktioniert. Der Verzicht auf unendlich viele Fakten, Namen, Ereignisse geht Hand in Hand mit der Konzentration auf die großen Zusammenhänge, die der Motor für Veränderungen gewesen sind. Nach den Griechen kamen die Römer, dann fielen die Germanen in das römische Reich ein, die zwar Länder erobern, aber nicht führen konnten. Die Renaissance in Italien hat die westliche Welt ebenso geprägt wie die Reformation in Deutschland, die parlamentarische Regierungsform in England und die französische Revolution.
Hirst beschreibt die Bedeutung von Bildung und Wissenschaft bei den Griechen und Römern, erzählt wie das Christentum Einzug in die Gesellschaft hält und das Gedankengut beeinflusst. Er macht aufmerksam auf einfache aber weitreichende Beobachtungen wie der, dass die griechischen Gelehrten vor allem in der Mathematik die Antwort auf alle wesentlichen Fragen suchten, und dass ihre Autorität, obwohl sie sich häufig irrten, erst im 17. Jahrhundert durch die Erkenntnisse der neueren Naturwissenschaft außer Kraft gesetzt wurde.

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Er zeigt, dass die Römer, die sich in Bildung und Kunst weitgehend von den Griechen beeinflussen ließen, diesen in einer Sache, nämlich dem Recht und der Rechtsprechung, überlegen waren (Codex Justinianus, 6. Jahrhundert). Er erinnert daran, dass im europäischen Mittelalter das Phänomen der Ritterlichkeit auftauchte, das die Verehrung der Frau mit sich brachte und damit den Respekt vor ihr möglich machte, und dass es etwas Entsprechendes in den arabischen Ländern nicht gab.
Und hätten Sie gedacht, dass die englische Sprache einen größeren Wortschatz hat als die deutsche oder französische? Durch die verschiedenen Eroberungen (Römer, Germanen, Normannen) sind viele Wörter aus deren unterschiedlichen Sprachen in das Englische eingegangen. Das Buch ist voller interessanter Hinweise dieser Art. Immerzu hat man das Gefühl, dass einem ein Licht aufgeht. Hirst erreicht das, indem er der Beschreibung der allgemeinen Geschichte, die er an den Anfang des Buches stellt, sechs Kapitel anfügt, die dieselbe Geschichte noch einmal unter bestimmten Gesichtspunkten beleuchten: Eroberungen, Staatsformen, Sprachen, Kaiser und Papst, und das einfache Volk.
Am Ende betont der Autor die Besonderheit Europas, die in seiner Zerrissenheit und Vielfältigkeit lag, in seiner Offenheit und Rivalität der Völker und Staaten untereinander; im Gegensatz etwa zu den machtvollen Imperien wie China, Indien oder das osmanische Reich, die vielfach vom Willen eines Herrschers bestimmt, aber dadurch auch in ihrer Entwicklung behindert und eingeengt wurden.
Ein ungeheuer anregendes Buch, das einem in vielerlei Hinsicht die Augen öffnet.

Gastbeitrag: Crefelder Geschichte – Krieg und Frieden

Hallo zusammen,

Beate Kehren-Böhm hat mal wieder ihr Archiv für uns geöffnet. Heraus kam eine spannende Geschichte aus der Besatzungszeit. Lest mal rein, ist ein spannendes Stück Zeitgeschichte…

Krieg und Frieden

Das Thema „Krieg und Frieden“ begleitet uns mehr oder weniger schon seit Jahren und mein Beitrag dazu ist eine Geschichte aus der belgischen Besatzungszeit. Diesen Bericht bekam ich 1989 aus einem Nachlass (Verfasser unbekannt) auf dem damals üblichen „Seidenpapier“ geschrieben. Das Original habe ich 2005 dem „Arbeitskreis Heimat“ in Fischeln überlassen.

Aus Fischelns Besatzungszeit
Bericht von einem Zeitzeugen – Original übertragen
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In kurzen Zügen soll im folgenden ein Bericht gegeben werden über die Zeit der Besatzung. Viel besonderes ist nicht zu melden.

Alle die 1000 Eingriffe, die mit der Besatzung verbunden waren, in die Freiheit des Einzelnen, der Gemeinde und der Verwaltung sollen nicht im Einzelnen behandelt werden. Diese liegen ja fest in den Generalakten jener Zeit, in den zahllosen Avis und Ordonancen der Militär- und Zivilbehörden der Alliierten. Was sie anordnen, erstreckt sich ja über die ganze 4. Zone, sodaß Fischeln ohne Weiteres all den vielen Unannehmlichkeiten, die sie vorschrieben, unterworfen war. Es soll darum lediglich das Eine oder auch Andere, das Ortsbedeutung hatte, in den folgenden Zeilen für die Nachwelt festgehalten werden.

Am 7.Dezember 1918 zog eine belgische Division in Krefeld ein und die ersten dreisprachigen Verfügungen erschienen an den Anschlagsäulen. Wenige Tage später am 10.12.1918 rückten in Fischeln 800 Mann Feldartillerie ein, die in Bürgerquartieren untergebracht wurden. Obschon versucht wurde die Verteilung der Einquartierung mit den Quartiermachern unter Zuhülfenahme des das Französische gewandt beherrschenden Herrn Pitsch von hier möglichst rasch zu erledigen, was mit Rücksicht auf die Unterbringung der Pferde sehr schwierig war und die Truppen möglichst enge zusammen gelegt werden sollten, kam es zu Beschwerden des Kommandanten hierüber, sodaß der Bürgermeister wie auch der Landrat sich hierzu äußern mußten, worauf die Sache auf sich beruhen blieb.

Zur besseren und leichteren Orientierung mußten sogleich an den Ortseingängen große Schilder mit den Ortsnamen und Richtungsschildern zu den Nachbarorten angebracht werden. Gleichzeitig begann die Bahn- und Postsperre; der Verkehr mit dem rechtsrheinischen Gebiet war vollständig unterbunden, für das Verlassen des Ortes waren Geleitscheine nötig; innerhalb weniger Tage mußten alle über 14 Jahre alten Leute einen Personalausweis mit Lichtbild haben, hinter jeder Haustüre waren Hauslisten anzubringen usw. usw.

Am 11. 12. 18 war die erste Pferdemusterung auf dem Marienplatz. Bei der Gelegenheit wurden 23 Pferde requiriert. Verhängnisvoll war dabei die Auffassung der belgischen Behörden gegenüber jener der deutschen bezgl. des Begriffes Kriegsbeute. solche Pferderequisitionen folgten in großer Anzahl, insgesamt sind an unserem Orte 194 Pferde beschlagnahmt worden. Bei einer dieser Requisitionen bat ein Bauer, dem man schon verschiedentlich Pferde genommen hatte, den leitenden Offizier, man möge ihm  doch sein Tier lassen, da er schon zwei abgegeben hätte, worauf dieser stolz antwortete:“ C’est le jus du conquérant!“

Am 16. Dezember 1919 rückte die für Fischeln bestimmte Besatzung in Stärke von 3 Batterien und 350 Mann Infanterie hier ein. Vom 20.6.19 ab wurden die Mannschaften in Sälen unter-gebracht; lediglich Offiziere, Feldwebel und Stäbe lagen noch in Privatquartieren.
In der Marienschule war eine Wachstube eingerichtet, sodaß verschiedentlich der Unterricht ausfallen mußte. Auch in der Südschule war ein Raum requiriert und im Juli 1919 wurde dort ein zweiter Raum für Besatzungszwecke in Anspruch genommen. In den Schulräumen betrug sich die Soldateska ziemlich rüde, Bilder wurden zerschlagen, Türen an den Schränken eingestoßen, und die Aborte wurden unwegsam.

Anfang April wechselt die Besatzung; waren bis dahin größtenteils ältere Soldaten hier, so kamen nun erheblich jüngere Jahrgänge, deren Benehmen gegenüber der Bevölkerung bedeutend rücksichtsloser und zügelloser war.
Am Weihnachtsabend 1919 mußte Fräulein Dolbaum noch um 12 Uhr abends ein Bad richten für den bei A. Buscher wohnenden Offizier und seine Frau. Auch sonst waren mit der Einquartierung viele Unanehmlichkeiten verbunden. Am unangenehmsten wurde es empfunden, daß die Besatzung mit „Madame“ logierten, wobei  „Madame“ sehr oft eine Freundin war.

Im Juni kam es in Krefeld zu groben Ausschreitungen der Besatzungstruppen. Die Folge davon war auch hier Geschäftsschluß um 5 Uhr, die Straßenbahnen durften nur bis 5 Uhr verkehren und es wurde der Belagerungszustand erklärt. Erst am 2. Juli 1919 wurde der Tag- und Nachtverkehr freigegeben, sodaß man fürderhin einen besondern „Nachtschein“ nicht mehr brauchte. Und als Ende Juli das große internationale Rennen in Krefeld war, wurden die Straßenbahner, die gerade streikten, dazu gezwungen, einige Stunden zu fahren. Um aber der Gesellschaft das Verdienst nicht zukommen zu lassen, kassierten die Schaffner an dem Tage nicht, sodaß jeder frei fahren konnte.

Arbeitskreis-Heimat-Fischeln

Die Kommandantur wurde bei Wolf (Marienstr. – Clemensstr.) eingerichtet bis sie an 19.12.1918 an der Düsseldorferstraße 87 untergebracht wurde. Diesem Kommando unterstanden die beiden Gemeinden Fischeln und Osterath. Am 17.6.19. wurde die eigene Kommandantur aufgehoben und Fischeln wurde Krefeld unterstellt. Am 8.7.1919 wurde die Kommandantur Fischeln wieder eingerichtet und am 12.9.19 nach Osterath verlegt. Am 6.1.1920 verließ die hiesige Besatzung unseren Ort, nachdem am Tage vorher ein betrunkener Soldat die Frau des Wirtes Heinrich Wolf von der Marienstraße erschossen hatte. Der Soldat wollte abends nach 10 Uhr noch in die Wirtschaft, die Tür war aber bereits geschlossen. Als ihm auf mehrmaliges Klopfen und Rufen nicht geöffnet wurde, lief der Soldat in sein nahegelegenes Quartier auf der Clemensstraße (bei Nobisrath) holte seinen Karabiner und schoß durch die Tür. Dabei traf er die Wirtin in den Kopf sodaß sie kurz darauf starb. Der Soldat wurde vom belgischen Kriegsgericht am 16. Juli 1920 zu Zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

Während des Ruhrkampfes wurde der Arbeiter Scholtisseck beim Ueberschreiten des Bahndammes an der Gladbacherstraße von einem angetrunkenen belgischen Posten angeschossen und am Beim so schwer verletzt, daß er noch heute Rente beziehen muß.
Wie die Besatzung ihren guten Ruf sicherte, zeige nur ein Beispiel. Beim Wirt Holzapfel wurde kurz vor dem Abrücken der Besatzung ein Motor nächtlicherweise gestohlen und auf dem  Grundstück des Schmiedes Wolf unter der Asche vergraben. Dort fand er sich zufällig. Jetzt erinnerte sich Wolf, daß einige Tage vorher die bei ihm quartierten belgischen Soldaten nachts mit ölbeschmutzten Händen aus dem Hof gekommen waren. Da er den Verdacht äußerte, wurden Holzapfel und Wolf vors Militärgericht nach Krefeld geladen, wo ihnen dann von ihrem Verteidiger Dr. Meyer geraten wurde, zu erklären, daß sie keinen belgischen Soldaten in Verdacht hätten, da die gegenteilige Behauptung ihnen schädlich wäre. So hatte die Besatzung die eidliche Erklärung, daß kein Soldat in Frage käme.

Dem Wirt P. Hüttenes wurde von 2 belgischen Soldaten in seiner Wirtschaft eine Brieftasche mit 900,- Mk. entrissen. Beim Appell glaubte er die beiden wieder zuerkennen, wagt aber nicht sie zu bezeichnen. Nach dem Appell erklärte ihm dann ein Belgier, es wäre sein Glück gewesen, daß er keinen bezeichnet hätte; der Kommandant hätte ihn sicherlich einstecken lassen.
Einige Einzelheiten aus der Besatzungszeit sollen nun noch erwähnt werden: Die Bestimmung bezgl. des Aufenthaltes im linksrh. Gebiet für solche, die nicht hier geboren, traf auch für verschiedene Arbeiter des Stahlwerks zu; doch wurde ihrem Gesuch um Aufenthaltsgenehmigung stattgegeben.
bekebo-Postkartensammlung
An der Düssesdorferstraße 87 wurde ein Offizierskasino eingerichtet. Die dafür beschaffenen Einrichtungsstücke wirkten aber nicht einheitlich genug, darum wurden die requirierten Sachen zurückgegeben und in Krefeld mußte  eine ganz neue Einrichtung hierfür besorgt werden. Für das Kasino hatte die Gemeinde zu liefern:
Butter, Milch, Wein, Eier u.a.m. Im übrigen griff die Besatzung ziemlich in alle Dinge ein, orientierte sich über alles und jedes. Zunächst einmal erklärte sie alle deutschen Gesetze, die nach dem 12.12.1918 erschienen, als ungültig für das besetzte Gebiet und der Regierungspräsident mußte den selbstverständlichen Vorrang aller Besatzungsverfügungen gegenüber seinen eigenen Anordnungen verfügen. Der Dienstverkehr mit der Besatzung mußte in französischer Sprache erfolgen. Eingaben in deutschen Lettern wurden als „unleserlich“ zurück-gegeben. Hindenburgs Dank an die Bevölkerung vom 23.2.19 durfte nicht veröffentlicht werden. Die Bildung und der Uebertritt zu Ostschutzformationen im Januar 1919 wurde untersagt. Die Verfolgung und Bestrafung deutscher Deserteure wurde verboten.

Marienstrasse-Stadtarchiv
Bis Ende Juli 1919 mußten sich die ehemaligen Reserveoffiziere allwöchentlich zur Kontrolle melden. Auch weiterhin wurde von Ihnen ein besonderer Ausweis verlangt. Alle Männer der Jahrgänge 1868 -1901 mußten sich zu einer besonderen Kontrolle auf dem Rathaus einfinden. Prozessionen und Umzüge waren verboten; so durften am Weißen Sonntag 1919 die Kommunionkinder nicht wie üblich am Marienplatz abgeholt werden. Ebenso war das Flaggen der HÄUSER AN DEM Tage verboten; später war nur das Flaggen in den deutschen Nationalfarben untersagt; im übrigen mußte es 48 Stunden vorher beim Kreisdelegierten beantragt werden. Auch die Markusprozession war untersagt, doch fand diese infolge eines Irrtums doch statt. Die Fronleichnamsprozession durfte zwar, nachdem sie anfänglich verboten war, abgehalten werden; doch war das Böllerschießen beim Segen untersagt. Auf Befehl der Besatzung mußten die Bilder des belgischen Königspaares in verschiedenen Schaufenstern mehrere Tage ausgestellt werden. Immer wieder wurden Bahn- und Postverkehr für Tage und Wochen unterbunden. Selbst innerhalb des besetzten Gebietes wurden die Reisegesuche wiederholt abgelehnt. Die Gemeinderatswahlen im Frühjahr 1919 wurden anfänglich untersagt. Später wurden sie genehmigt, nachdem zuvor die Wahlvorschläge mit Kennzeichnung der politischen Stellung der einzelnen Kandidaten eingereicht worden waren. Wahlversammlungen mußten 48 Stunden vorher angemeldet werden und wurden stets durch einen belgischen Beamten überwacht, der vor allem darauf achtete, daß nur die vorher gemeldeten Redner sprachen. Die Anheftung von Plakaten für die Wahl wurde ausdrücklich untersagt. Dem Kontrolleur der Zivilverwaltung mußte die gesamte Dienstpost Rechtsrheinisch expeditionsfertig abgegeben werden, der sie nach Prüfung weitergab. Die Section économieque interessierte sich in langen Fragebogen für das gesamte Wirtschaftsleben, für Einrichtung und Betrieb der hiesigen Werke, für ihre Erzeugung und den Absatz. Der Zivilkontrolleur verlangte Pferde- und Rindviehlisten, die stets auf dem laufenden Tagesbestand zu halten waren. Im September 1919 war ihm eine Liste aller Obstbäume der Gemeinde einzureichen und im Dezember 1920 erkundigte er sich nach dem Kubikinhalt des Gasometers. Er verlangte Auskünfte über das Steueraufkommen, die Monatsabschlüße der Gemeinde- und Sparkasse mußten vorgelegt werden. Dazu mußten der ganze Briefwechsel mit der H.C.J.A. alle Berichte und Aufstellungen stets in 4 bzw. 6 facher Ausfertigung eingereicht werden. Selbstverständlich durften alle Veröffentlichungen und Anschläge erst nach erfolgter Censur erfolgen. Als die Entwertung kam, mußten alle Waren in deutscher Währung ausgezeichnet sein

erster Weltkrieg - AKH-Fischeln
Verschiedentlich wurden Wirtschaften für mehrere Tage geschlossen z.B. Holzapfel 3.1. – 17.1.1919 / Ballmann und Fink 20.5.1919 für 8 Tage / Plück und Holzapfel 4.6.1919 für 8 Tage. Die Polizeistunde für den Straßenverkehr war teilweise auf 8 Uhr später wurde sie auf 8 1/2 bezw. 9 1/2 Uhr festgesetzt. In den Schulen wurden alle Uebungen untersagt, die nur im Geringsten nach militärischen Uebungen aussahen z.B. Schulwanderungen, Marsch in Reihen zu vier, in Gruppen usw. Bei Anstellung von Beamten beanspruchte die Besatzungsbehörde ein Genehmigungsrecht, wodurch es besonders schwierig war, Angestellte aus dem rechtsrheinischen Gebiet zu bekommen. Auch über anderen Veränderungen im Beamtenapparat durch Tod, Amtsniederlegung, Krankheit und Urlaub verlangt die Besatzung Mitteilung und behielt sich Einspruch vor. So gab es kein Gebiete, in das die Besatzung nicht eingegriffen hätte; gewiß, man gewöhnte sich nach und nach daran, daß die belgische Flagge auf dem Rathaus wehte; die uniformierten Beamten grüßten die Offiziere der Besatzung nach Vorschrift, jedoch Fahnentrupps ging man nach Möglichkeit aus dem Wege, um die ruhmreichen belgischen Fahnen nicht grüßen zu müssen; sobald man einen belgischen Posten sah, verließ man den Bürgersteig, um nicht von diesem unsanft hinabgestoßen zu werden. Die Verwaltung ertrug die drückende, unangenehme Beaufsichtigung ihrer ganzen Arbeit in der stillen Hoffnung auf andere Zeiten.

Gastbeitrag Crefelder Geschichte: Flugplatz Krefeld

Text von Beate Kehren-Boehm aus der Facebook-Gruppe „Crefelder Geschichte“0-stadtwald-um1900

Das 1911 noch kaum bewachsene Gelände des Stadtwaldes wurde mit seiner großen Wiese die erste Startbahn der Krefelder Piloten. Das Ereignis ebnete den Weg zur ersten Nennung als „Fliegerstadt“ und die damaligen Stadtväter (allen vorneweg das Magistratsmitglied Dr. von Hansen) wollten sich am Geschäft Luftfahrt beteiligen und suchten intensiv um 1914 geschäftliche Partner um gemeinsam eine Flugzeugfabrik mit einer Fliegerschule zu gründen.
Eine Einigung wurde allerdings bei den ersten Verhandlungen nicht erzielt und so lud die Verwaltung im Februar 1915 verschiedene Grundstückseigentümer ein und unterbreitete Kaufangebote. Widerwillig und nur mit dem Zuspruch von Pastor Nießen aus Bockum verkauften die Bauern ihr Land.
Ausgewählt wurde das Gebiet „Hohes Feld“ – neben dem Flughafen ein Gelände, mit ehemals fruchtbarem Ackerland, das aber schon vor dem ersten Weltkrieg weitgehend ungenutzt war.

Königl. Preuss. Landesaufnahme 1892 / Stadtarchiv Krefeld

Königl. Preuss. Landesaufnahme 1892 / Stadtarchiv Krefeld

Erst 1916 konnte eine Militärfliegerstation errichtet werden. Auf dem etwa 400 Morgen umfassenden Gelände folgend acht Flugzeughallen, eine Werft, ein Tanklager, eine Autohalle und ein Eisenbahngebäude. Die Krefelder Emil Schäfer und Werner Voß wurden hier ausgebildet.
1917 war der Flugplatz fertig und im Vertrag mit dem Deutschen Reich stand, dass die Stadt Krefeld das Gelände kostenlos zur Verfügung stellt. Sollte nach 30 Jahren das Gebiet nicht mehr als Flugplatz genutzt werden, müsse es der Stadt kostenlos zurückgegeben werden. Der Vertrag lief vom 1. April 1916 bis zum 31. März 1945.

Postkartensammlung Beate Kehren-Boehm

Postkartensammlung Beate Kehren-Boehm

 

Als Krefelds Fliegerheld Emil Schäfer in seiner Heimatstadt beerdigt wurde, landeten auch die berühmten Kampfpiloten Werner Voss und Manfred von Richthofen, „der rote Baron“, in Bockum – beide stürzten mit ihren Maschinen während des Krieges auch ab.
Nach Beendigung des 1. Weltkrieges besetzten Franzosen und Belgier das Flugplatzgelände. Acht Jahre später wurden Flughallen mit 1500 Quadratmetern demontiert und nach Belgien gebracht. Als die Besatzungsmächte abgezogen waren, übernahm die Stadt Krefeld das Flugplatzgelände. Am 2. Februar 1926 landete das erste deutsche Flugzeug.

Schon Mitte Mai 1926 wurde der Flugdienst Krefeld-Essen-Berlin aufgenommen. Bald übernahm die Luft-Hansa das „Krefelder System“, das darin bestand, Zubringerdienste einzurichten. Ein großer Teil der Fracht bestand aus hochwertigen Erzeugnissen der Krefelder Samt- und Seidenindustrie. Die hohen Frachtkosten für den Luftweg konnte man wegen der wertvollen Waren aufbringen. Zielorte waren in erster Linie London und Paris.

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Aus dem Flughafen Krefeld wurde dann der Fliegerhorst Krefeld-Bockum, dessen Mauer an der Emil-Schäfer-Straße noch steht.

Als die Besatzung der Rheinlande beendet war, entstand 1936 in Bockum wieder ein Militärflugplatz. Noch in den 40er Jahren gab es eine richtige Empfangs- und Abfertigungshalle für Linienpassagiere und Fracht. Ein Gastronomiebetrieb bediente Gäste auch aus dem Umland – man musste kein Fluggast sein.
Während des 2. Weltkrieges starteten beim Westfeldzug von dort Flugzeugverbände, die die Bodentruppen unterstützten. Während des Krieges wurden drei Bomben auf das Gelände geworfen. Dies geschah wohl aus „Versehen“ – denn der Flugplatz war für die Alliierten ohne Interesse, da hier keine Flugzeuge mehr standen.

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Nach Beendigung des 2. Weltkrieges wurde der Flugplatz von den Engländern besetzt. Das Gelände hatte für die Royal Air Force kaum Wert, da es für die inzwischen entwickelten Düsenflugzeuge zu klein war. Es wurde aber teilweise als Versorgungslager genutzt. Große Flächen des Rollfeldes waren bald wieder Ackerland.
Das ehemalige Flugplatzgelände wird bebaut
Bereits Anfang September 1947 regte der damalige Landtagsabgeordnete Adolf Dembach aus Uerdingen im Landtag an, bei der Militärregierung die Freigabe des Flugplatzgeländes zu erwirken. Der Antrag wurde angenommen und mit folgender Begründung weitergeleitet:
„Der etwa 400 Morgen große frühere Flughafen besteht aus sehr gutem Ackerboden, der brachliegt. Teilweise wird er als Schafweide genutzt. Der fast vollständig von Häusern umschlossene Flugplatz wird als solcher nicht genutzt. Der Platz eignet sich vorzüglich als Siedlungsgelände.“
Dann aber gab es die ersten Einwände gegen die geplante Nutzung als Siedlungsgelände. Vorschläge waren: Errichtung einer Universitätsstadt, Bau eines Zentralfriedhofs, Verwendung als Industriegebiet, Nutzung als Segelflugplatz und Wiederverwendung des guten Ackerbodens für die Landwirtschaft.
Ende Oktober 1950 begann das Krefelder Vermessungsamt mit der kartenmäßigen Aufnahme des von der Besatzungsmacht freigegebenen Teils. Damit das Gelände bis zur Entscheidung über seine Verwendung nicht brachlag, erhielten die Landwirte Pachtverträge über zwei Jahre. Dies machte eine spätere anderweitige Nutzung möglich.
Durch den wahnsinnigen Luftkrieg waren 73,3% aller Wohnungen beschädigt oder zerstört worden. Die Kriegsheimkehrer sowie die vielen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen erhöhten die Zahl der Wohnungssuchenden. Deshalb legte die städtische Wohnungsbaugesellschaft „Wohnstätte“ 1953 einen Bebauungsplan für das Flugplatzgelände vor.
Hier zwei Fotos von Wi Ko, die später an der Gubener-Straße und an der Breslauer-Straße aufgenommen wurden.

8wiko11-breslauerstrasse19639wiko-12gubenerstrasse Der Flughafen-Gedenkstein wurde 1991 vom Bürgerverein Gartenstadt gestiftet. Der Findlingsblock an der Traarer-Strasse, wurde beim Ausbaggern am Elfrather-See gefunden. Die Bronzetafel zeigt das Eingangstor des ehemaligen Flugplatzes.

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Viel erinnert heute nicht mehr an den Flughafen Bockum. Es existiert noch die Mauer an der Emil-Schäfer-Straße, die bis an der Ecke Werner-Voß-Straße reicht.

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Und wer genau auf das Grundstück an der Magdeburger-Straße (im Bereich Bergstraße) schaut, der wird die alten Betonplatten der Start- oder Landebahn sehen. Über einige Sattelitenfotos noch besser erkennbar.

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Am 23. August 1963 ist eine Boeing 727-030 der Lufthansa-Flotte in Düsseldorf auf den Namen „Krefeld“ getauft worden. Taufpatin war Magda van Hüllen, Gattin des damaligen Krefelder Oberbürgermeisters, Herbert van Hüllen. Der ersten „Krefeld“ sind zwei weitere Flugzeuge gefolgt. Seit 1990 trägt eine 737-530 den Namen. Bis Dezember 2013 flog sie kreuz und quer durch Europa.

…..und wer mehr zum Flughafen lesen möchte, dem ist das Buch „Unser C(K)refeld von 1979 bis heute“ – Andreas Storz und Helmuth Bayen – zu empfehlen. In diesem Buch befinden sich in einem Kapitel zahlreiche Fotos und informative Texte zum Thema Flughafen in Krefeld.

Gastbeitrag Crefelder Geschichte: Das ehemalige Wohnhaus von Otto Brües

Das ehemalige Wohnhaus von Otto Brües

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Einige Mitglieder der Gruppe „Crefelder Geschichte“ besuchten das Niederrheinische Literaturhaus auf der Gutenbergstrasse und wurden von Frau Anette Ostrowski mit Hinweisen und Erklärungen durch das Haus geführt.

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Otto Brües wurde am 7.11.1897 in Krefeld geboren. Der Vater, Ernst Brües, war Chefredakteur der „Krefelder Zeitung“ und seine Mutter, Clara Brües eine geborene Scheuten – sie stammte aus einer alten Kaufmannsfamilie. Otto Brües heiratete 1922 Hilde Robholt. Der Sohn Ulrich (1923 –1943), wurde im Krieg als vermisst gemeldet wurde. Tochter Eva (1927–2011), pflegte extrem sorgsam das Erbe des Vaters.
Otto Brües war von 1906 bis 1915 Schüler des Humanistischen Gymnasiums in Krefeld und erhielt hier den „Schliff“ für sein Leben. Im Mai 1915 begann sein Studium in Bonn.
In Au schrieb Otto Brües den großen Krefeld-Roman „Der Silberkelch“. Das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse wurde ihm 1959 verliehen. Im März 1967 war ihm die Ehrenbürgerschaft angetragen worden und er erhielt den Ehrenring seiner Heimatstadt einen Tag vor seinem Tod. Der damalige Oberbürgermeister Herbert van Hüllen war dazu an sein Krankenbett in Maria Hilf geeilt, da Ehrenring und Urkunde zu Lebzeiten überreicht werden mussten.
Otto Brües starb am 18.4.1967 in Krefeld. Die Stadt bereitete man ihm eine ehrende Feier. Das Ehrengrab befindet sich auf dem Hauptfriedhof.

Eva Brües, Tochter des Autors, ist es zu verdanken, dass der Name Brües nicht aus dem Bewusstsein der Krefelder verschwunden ist. Jahre später gab sie einige unveröffentlichte Werke des Vaters heraus. Die Autobiographie „Und immer sang die Lerche“ gehört dazu.
Sie gründete 1993 den „Otto-Brües-Freundeskreis“ und vermachte den Bürgern Krefelds den Nachlass und den ererbten Besitz. Das Haus an der Gutenbergstraße 21 ist seit Juni 2012 „Das Niederrheinische Literaturhaus Krefeld“.
Mehr Informationen zu Otto Brües unter dem folgenden Link:
http://www.vvb.de/autoren/showAutor?aid=8344#

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Das alte Backsteinhaus rechts neben dem Gelände des Wasserturmes an der Gutenbergstrasse wurde 1906 als Gärtnerhaus der Stadt Krefeld gebaut. Erst als Dr. Eva Brües dieses Haus erwarb, wurde es privatisiert. Bis zu diesem Tag im Juli 1984 wohnten hier immer Mitarbeiter oder Angestellte der Stadtverwaltung.
Das lange freistehende Haus wurde beim Angriff 1943 völlig zerstört und der damalige Mieter, ein Obersekretär der Stadt musste evakuiert werden.
Nach dem Krieg wurde das Haus wieder aufgebaut und der amtierende Beigeordneter Walter Nettelbeck konnte als Mieter einziehen. Ein Relikt aus dieser Zeit ist der alte Ofen mit den wunderbaren Keramikplatten von Peter Bertlings. Auf den Kacheln wurde das Leben von Walter Nettelbeck dargestellt. Die Familie zog Anfang der 50er zum Forstwald. Als die Familie Brües 1953 das Haus vom Vormieter Nettelbeck übernahm, blieb auch der Ofen mit den Keramikkacheln in der Bibliothek und ist heute noch zu bewundern.
otto-brües (03)Aufmerksame und kundige Krefelder schätzen zahlreiche Bertlings-Arbeiten wie einige Kratzputzornamente in Krefeld und kennen Peter Bertlings über seine langjährige Tätigkeit als Dozent und als Professor an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule Krefeld. Wertvolle Kunstarbeiten sind wunderbare Keramiken.

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Eva Brües hatte das Gebäude 1998 der Stadt geschenkt – sie lebte in diesem Haus weiter bis zu ihrem Tod 2009. Behutsam wurde das Haus umfassend saniert und bietet weiterhin einer Sammlung von etwa 10.000 Büchern einen bedeutenden Platz.
»Die Ziele des Otto Brües-Freundeskreises sind die Pflege und Förderung des gesamten schriftlichen Nachlasses des 1897 in Krefeld geborenen Schriftstellers Otto Brües«, heißt es auf der Homepage der Gesellschaft.
http://www.literatur-in-krefeld.de/indexPC.htm
Fotos @bekebo – Crefelder Geschichte

Gastbeitrag – Crefelder Geschichte: Krefelder Kanon der Literatur

Krefelder Kanon der Literatur

Zurzeit wird in den Buchhandlungen und im Café Coelen ein kleines Buch angeboten, in dem 100 Krefelder eines ihrer Lieblingsbücher vorstellen konnten. Ich durfte einen Roman beschreiben, mit durchweg biografischen Zügen. Denn die Autorin hat nach einer lieblosen Zeit im Krefelder Elternhaus und den wirklich schrecklichen Erlebnissen in ihrem Leben (verursacht durch den Krieg und den Handlungen ihres Vaters) versucht, ihr Leben mit ihren eigenen Büchern zu verarbeiten. So unterzog sie z. B. den Vater in „Der Grüne“ einer schonungslosen Analyse.
Wenn ich mit meiner Zusammenfassung im „Krefelder Kanon der Literatur“ zu einem Buch, was mich nachhaltig beeindruckt hat, einige Krefelder dazu animieren kann, sich für die Geschichte ihrer Stadt zu interessieren, kommen wir dem Ziel schon etwas näher. Denn man muss seine Heimatstadt kennen, um sie zu lieben und ihre Veränderungen zu verstehen.

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Im Sommer 2007 sah ich zufällig in der ARD die Dokumentation des Filmemachers Christian Gropper über die Schriftstellerin Anja Lundholm. Seit Jahren an MS leidend und bettlägerig erzählte sie aus ihrem unglaublichen Leben. Ich habe mich gefragt, wie viel ein Mensch eigentlich ertragen kann. Dann erzählte Anja Lundholm von Krefeld und damit gehörte ihr meine ungeteilte Aufmerksamkeit endgültig – denn Krefeld und die Geschichte unserer Stadt sind seit etwa 50 Jahren mein Thema.

Geordnete Verhältnisse – von Anja Lundholm

Der Roman spielt in den Jahren 1932/1933. Sehr schnell wird dem Leser bewusst, dass der christliche Vater die Familie beherrscht. Er ist die Autoritätsperson und bestimmt, wie es im Haus einer feinen Familie zugehen soll. Der Vater, der nie eine Tochter haben wollte formte Ruth ohne jegliche Zuneigung. Das Kind versuchte, den gewünschten Sohn zu ersetzen, sie spielt nicht mit Puppen, sondern mit einer Hantel, die sie aus dem Schlafzimmer des Vaters holte. Eines der väterlichen Prinzipien war es zudem, sich nicht zu berühren, wobei dieses Gesetz bei Ohrfeigen nicht gültig war. Die Zitate von Wilhelm Busch regelten den Alltag.

Über das Buch möchte ich hier nicht so viel schreiben, da die Bücher von Anja Lundholm in der Mediothek stehen. Hier geht es eher darum, mit offenen Augen durch Krefeld zu laufen und hinter vielen Häusern die oft versteckte Geschichte unserer Stadt zu erkennen. Denn die Familie des Apothekers Erdtmann war eine damals nicht seltene Mischehe. Frau Erdtmann war Jüdin und nach wenigen Jahren einer unglücklichen Ehe nicht mehr zu „gebrauchen“ – aber ihr Vermögen nahm der Apotheker gerne an sich.

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1938 trieb der Vater die jüdische Mutter in den Selbstmord. Denunziation durch ihren Vater, der bereits 1934 in die SS eingetreten war. Im Konzentrationslager Ravensbrück wurden an ihr medizinischen Versuche vorgenommenen. Dann den Todesmarsch – Flucht….. und 1953 wurde ihr auf Betreiben ihres mittlerweile entnazifizierten Vaters das Sorgerecht über ihre beiden Kinder entzogen, weil sie eine allein erziehende Mutter war. Das war damals möglich, da sie als geschiedene Frau auch mit den Kindern alleine lebte. So etwas galt als unmoralisch.
Anja Lundholm ist eine Verfasserin von vorwiegend autobiografischen Romanen, in denen sie ihr abenteuerliches Schicksal zwischen 1927 und 1949 verarbeitete. Sie starb 2007 mit 89 Jahren in Frankfurt.

Das Haus der Familie Erdtmann an der Ecke Uerdinger-Straße und Philadelphia-Straße mit der alten „Engel-Apotheke“ wurde nach dem Tod von Erich Erdtmann ( 1.2.1962) verkauft und etwas später abgerissen. Seit Ende der 60er Jahre wird hier in einer neuen Engel-Apotheke gearbeitet.

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BILD DER APOTHEKE von Christian Gropper

Gastbeitrag – Crefelder Geschichte: Mennonitische Auswanderer

Hallo zusammen,

wir haben wieder einen Text aus der Facebook-Gruppe „Crefelder Geschichte“ erhalten….auf gehts:

„Bei einem Stadtspaziergang mit der FB-Gruppe „Crefelder Geschichte“ unter Pastor Wiebe hatten alle noch die Hoffnung, dass der Gedenkstein für die mennonitischen Auswanderer wieder auf den Platz nördlich der Dionysius-Kirche verankert wird.

Nun ist das Gebäude der Volksbank schon seit einigen Monaten fertig und der große Stein liegt immer noch auf dem städtischen Betriebshof. (wie wahrscheinlich die Reste der De Greiff-Säule auch seit Jahren) Niemand hat eine Idee, wo der Stein mit dem Text „ZUR ERINNERUNG AN DREIZEHN FAMILIEN, DIE IM JAHRE 1683 VON KREFELD NACH PENNSYLVANIA IN NORDAMERIKA AUSWANDERTEN. SIE GRÜNDETEN DORT ALS ERSTE DEUTSCHE AUSWANDERERGRUPPE GERMANTOWN, DAS 1854 MIT PHILADELPHIA VEREINIGT WURDE“ wieder eingelassen werden soll.

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Bedauerlich, dass hier keine Entscheidung getroffen wird. Denn in diesem Monat vor 332 Jahren bewiesen die 13 Familien der Mennoniten-Gemeinde den Mut (vielleicht war es aber die pure Verzweiflung) ihre Heimat zu verlassen und als deutsche Auswanderergruppe ein neues Leben in Amerika zu beginnen.

Im Jahre 1683 wurde „Germantown“ gegründet und die Geschichtsbücher sind voll mit Geschichten dieser Mennoniten und Quäkern, die dem Theologen Franz Daniel Pastorius auf dem Schiff Concord in die „Neue Heimat“ folgten. Die Reise auf dem Schiff dauerte etwa sieben Wochen – eine lange Zeit, besonders für die Kinder und Älteren der Gruppe.

Segelschiff Concord

Mich hat dazu ein Historischer Roman der Autorin Ulrike Renk sehr beeindruckt. Sie erzählt im Buch „Die Heilerin“ die authentische Geschichte einer mennonitischen Familie, die damals nach Amerika auswanderte. Wir befinden uns im Krefeld des 17. Jahrhunderts und für Margaretha und ihre Familie wird das Leben in der Stadt immer schwieriger. Denn sie gehören der mennonitischen Glaubensgemeinschaft an und werden wiederholt von Mitbürgern wegen ihrem Glauben angegriffen.

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Und gerade wegen unserer spannenden Stadtgeschichte ist es dringend erforderlich, dass die Erinnerungen wach gehalten werden. Dazu gehört nun mal auch der Gedenkstein mit dem einprägsamen, eingemeißelten Text. Hoffen wir, dass die Verantwortlichen einen geeigneten Platz findet.

Die Bücher von Ulrike Renk stehen auch in der Mediothek.“

Stimmt, einfach mal vorbeikommen und ausleihen….

Euer Mediotheksteam

Crefelder Geschichte – eine neue Rubrik

Hallo zusammen,

Krefeld ist eine spannende Stadt. Industrie, viel Grün, der Rhein, Eisenbahn, ein Flugplatz, viel Kultur. Und Krefeld hat eine spannende und interessante Geschichte. Und die gilt es, sich erzählen zu lassen. Viele von Euch wissen ja, das wir im sozialen Netzwerk Facebook recht gut vertreten sind. Neben unserer Seite, betreiben wir vor allem viel Zeit und Aufwand um uns in den vielen Krefelder Facebook-Gruppen zu engagieren.

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Eine kleine, aber sehr feine, Gruppe heißt „Crefelder Geschichte“. Die dortige Administratorin, welch cooles Wort, Beate, hat sich bereit erklärt, hier immer mal wieder ein paar Gedanken zur Krefelder Geschichte loszuwerden. Geniale Sache, die noch an Wert gesteigert wird durch die Tatsache, dass auch andere Gruppenmitglieder hier mit Infos und Texten zum Gelingen beitragen werden. Aber, lassen wir Beate mal selbst zu Wort kommen….

„In diesem Blog der Mediothek- Krefeld darf ich ab sofort als Administrator der Gruppe „Crefelder Geschichte“ in lockerer Folge etwas zu unserer Stadtgeschichte beitragen. Ich möchte aber auch manchmal Beiträge einiger Gruppenmitglieder präsentieren und hänge an meinen Ausführungen einen Bericht zum Deichbau von Johan Crasemann.
Der Deich schützt die Bewohner unsere Stadt und es ist noch nicht so lange her, als das Rheinwasser auf dem „Alten Markt“ stand. In der Vergangenheit konnte man das Hochwasser auch schon mal in Bockum sehen, wie eindringlich im Tagebuch von Claes ter Meer beschrieben wurde.

Denn im Frühjahr 1740 ist Claes ter Meer mit seinem Großvater nach Bockum gegangen und hinter dem Bockumer Feld stand schon das Wasser vom Rhein.

Am 18. Januar 1742 schrieb sein Bruder Abraham: „Der Rhein ist hoch mit Eis zugefroren gewesen und aus diesem Grund geht das Eis zur Stunde in eine große Überschwemmung über
Auch 1776 wurde Uerdingen überschwemmt. Unzählige Menschen ertranken und die Eisschollen lagen noch im Frühjahr auf dem „Alten Markt“ in Uerdingen.
Im Jahr 1784, war das hoch aufgetürmte Eis so festsetzt, dass seine Bewegungsgeräuche bis nach Bockum zu hören waren. Vom Uerdinger Rheintor wurde ein Weg über das Eis zur anderen Rheinseite angelegt. Und wieder lief das Wasser nach Uerdingen ein. Unzählige Tiere ertranken und die Schäden an Häuser und Strassen waren extrem – so arg, das die Reparaturen ein Jahr lang dauerten. Jahre später war die Überflutung in einem Ausmaß, das die Menschen in höheren Stockwerken mit nur wenig Brot und etwas Ofenholz aushalten mussten. Das Eis war auf den Straßen und in den Kellern gefroren und es war nicht sicher, ob die Häuser dem Druck des Eises standhielten. Mitte Februar 1799 zerstörten die Eismassen das gesamte Kirchenschiff von St. Peter und es brach auseinander.
Quelle RP

Die Uerdinger mussten immer wieder mit diesen Wassermassen rechnen. Als der Rhein im Winter 1890/91 zufror, zog es auch meinen Urgroßvater als Junge zur anderen Rheinseite. Diese Gelegenheit nutzten dann später die Urgroßeltern während des Krieges – davon existierten Fotos. Leider gingen 1967 nach dem Tod der Urgroßeltern viele Bilder verloren. Mittlerweile ist aber der Rhein so aufgewärmt, dass er nicht mehr zufrieren wird. Allerdings haben meine Familie und ich ein unglaubliches Hochwasser 1995 erlebt, als das Wasser nur wenig entfernt von der Deichkrone schwappte. Da war das Rheintor aber schon lange mit schweren Balken und Sandsäcken geschlossen

Ich wohne in Uerdingen nahe dem Rhein – für mich die Lebensader am Niederrhein, ist der Fluss doch Europas meist befahrenste und längste Wasserstraße Deutschlands.“

Und wo wir gerade bei Thema Rhein sind, folgt jetzt direkt der, von Beate angekündigte Artikel von Johan Craseman…viel Spaß beim lesen 😉

Vater Rhein – der neue Deich wird gebaut
Von Johan Crasemann

Uerdingen. Ohne Mühe rammt eine Spezialmaschine die meterlangen und tonnenschweren Spundbohlen in den Uerdinger Rheindeich. Mit dem neuen Hochwasserschutz werden vor allem die Bürger der Rheinstadt geschützt. Denn so friedlich der Rhein sich in diesen Tagen zeigt, so zerstörerisch kann er während eines Hochwasser mit seiner unbändigen Kraft wirken. Diese leidvolle Erfahrung haben die Krefelder in den vergangenen Jahrhunderten ohne einen effektiven Deichschutz immer wieder machen müssen. Unter Hochwasser und Eisgang litten in erster Linie die Rheinstädter.

Vor über 700 Jahren zerstörte der Fluss sogar das erste Uerdingen. Auf einer Rheininsel in unmittelbarer Nähe des einstigen römischen Kastells Gelduba (Krefeld-Gellep) soll dieses erste Uerdingen gelegen haben. Die zivile Siedlung wurde als Schutz vor feindlichen Überfällen vom Festland auf eine Insel verlegt. Ausgrabungen lassen auf Hochwasseropfer schließen. „Wo sich diese neue Siedlung jedoch genau befand, lässt sich archäologisch bislang nicht exakt nachweisen“, sagt Christoph Reichmann, Leiter des Museums Burg Linn. Vieles spräche für eine direkte Nähe zum alten römischen Hafen und damit für eine Verlegung auf eine dem Hafen vorgelagerte Rheininsel.

Denn der Hafen wurde auch nach den Römern durch die Franken weiter betrieben, wie die drei im Jahr 1972 entdeckten Lastkähne beweisen. Mit der C14-Methode wurde nachgewiesen, dass einer aus dem 10. Jahrhundert stammt. in anderes Schiff stammt aus dem 13. Jahrhundert, jenem Jahrhundert, in dem das alte, kurkölnische Städtchen Uerdingen durch den Rhein zerstört wurde. Mindestens bis in diese Zeit muss der Hafen und ein Ort an der Mündung des Linner Mühlenbaches auf einer Rheininsel gelegen haben. Denn neben den Kähnen fanden die Archäologen bei den Hafenarbeiten Anfang der 1970er-Jahre auch zahlreiche Hinweise von Siedlungsspuren und Hochwasserschäden im Bereich der alten Mühlenbachmündung in den Rhein. Keramikscherben und zerbrochene Tierknochen deuten auf die Siedlung. Außerdem wurden Artefakte aus dem 13. Jahrhundert entdeckt sowie römische, karolingische und hochmittelalterliche Scherben. „Die Knochen haben wir erst im Zusammenhang mit der Einrichtung der Schiffshalle am Museum näher untersuchen lassen. Dabei zeigte sich, dass ein Teil der Knochen von Menschen und Tieren wahrscheinlich von Hochwasseropfern stammt, so dass es offenbar im 13. Jahrhundert ein mit großen Schäden verbundenes Hochwasser im Bereich der Mühlenbachmündung gegeben hat“, so Reichmann.

Wie viele Menschen dort lebten und wie groß die Stadt letztlich war, darüber berichten historische Quellen nichts. In einer Urkunde aus dem Jahr 1324, die der Uerdinger Lehrer und Heimatforscher Franz Stollwerck zur Datierung der Stadterhebung (1255) nutzte, wird allerdings ein Grund für die Verlegung durch den Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg (1275 bis 1297) erwähnt: „Da die Stadt jedoch durch den Andrang des Rheins allmälig mit dem Untergang bedroht wurde.“ Das „allmälig“ (im lateinischen Text „successive“, „nachrückend“) deutet auf einen Prozess hin, der sich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts hinzog. Durch den Rhein müssen dabei auch die Kirche und der Friedhof von Alt-Uerdingen zerstört worden sein. Zum Untergang Uerdingens scheinen also diverse Hochwasser geführt zu haben, ausschlaggebend könnte jedoch ein Hochwasser 1279 gewesen sein. Wie verheerend dieses gewesen sein muss, verdeutlicht die Überlieferung, dass auch die gut 1,5 Kilometer landeinwärts am Mühlenbach gelegene alte Kirche von Linn zerstört worden sein soll.

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Trotz der wiederkehrenden Fluten versuchten Bürger und Landesherren, sich gegen den Rhein zu schützen. Im Jahr 1618 fehlte den Uerdingern schlichtweg das notwendige Holz für den Uferschutz; ein Hochwasser zerstörte in diesem Jahr große Teile der Ringmauer. In recht kurzen Abständen folgten nun schwere Überschwemmungen: 1622, 1625, 1630, 1635, 1639 und 1647. Im Jahr 1658 riss der Fluss den Wall und die Stadtmauer neben der Burg ein, Vieh ertrank und ein Teil des Ufers brach ab. Bei einem besonders schweren Hochwasser 1726 fuhr man mit Nachen (Kähnen) durch die Stadt. Am 17. März 1740 notierte der Krefelder Claes ter Meer in sein Tagebuch: „Nachmittags bin ich mit meinem Großvater nach Bockum gegangen, um das Hochwasser zu sehen. Bereits in Bockum floss das Wasser.“ Überschwemmt wurde die Rheinstadt wieder 1776. Viele Menschen ertranken. Noch im Mai lagen Eisschollen auf dem Marktplatz.

In den nächsten 200 Jahren kam es wiederholt zu schlimmen Hochwasserfluten wie nochmals 1926, als das Wasser nur 70 Zentimeter von der Deichkrone entfernt stagnierte. Das Rheintor drohte zu brechen.

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Als sich Risse zeigten, warnte Glockengeläut die Bürger vor der möglichen Gefahr. Doch das Tor, verstärkt durch zahlreiche Stützen, hielt dem Druck stand. Von den „Fluten“ zeugen heute nur noch die Pegelmarken am Rheintor, zuletzt aus dem Jahr 1995 mit dem Höchststand von 11,57 Meter.

Mit der aktuellen Sanierung des Rheindeiches wird nun ein wichtiger Bestandteil des Hochwasserschutzes für circa 25 000 Bürger umgesetzt. Die Arbeiten sollen zum Jahresende abgeschlossen sein.

So, wir hoffen, Euch hat der erste Exkurs in die Geschichte gefallen. Da kommt noch mehr. Die Fotos stammen von Beate selbst, bzw. von uns.

Euer Mediotheksteam