TietzelsTipp: Der Meteorologe von Olivier Rolin

Olivier Rolin, Der Meteorologe

Man muss starke Nerven haben, wenn man dieses Buch liest. Der Autor beschreibt das Leben des russischen Meteorologen Alexei Wangenheim, das beendet wurde in der Stalinzeit durch die bekannten “Säuberungen“, von denen man zwar gehört hat, deren buchhalterische Unerbittlichkeit, wie sie hier aufgelistet wird, man sich aber trotz allem nicht wirklich vorstellen kann.

Rolin war eher zufällig auf Wangenheim gestoßen. Seine Liebe zu Russland führte ihn verschiedene Male nach Archangelsk und von dort flog er 2010 zu den Soloweski-Inseln im Weißen Meer (das musste ich erst einmal googeln), auf denen sich ein wunderschönes Kloster aus dem 15. Jahrhundert befindet und wo 1923 das erste „Arbeitslager“ des GULag entstand. Rolin fand dort eine über 30.000 Bände umfassende Bibliothek vor, die sich aus den mitgebrachten Büchern der Gefangenen speiste, und da stieß er auf ein Werk, das Elena, Wangenheims Tochter, im Selbstverlag zum Gedanken an ihren Vater herausgegeben hatte. Neben den zahlreichen Briefen, die Wangeheim aus dem Lager an seine Frau schrieb, finden sich darin wundervolle, kolorierte, gleichwohl naive Zeichnungen: Bilder aus der Natur, Landschaften, Häuser, Schiffe, Tiere, Pflanzen, Polarlichter am Nachthimmel. Wangenheim sprach durch diese Zeichnungen direkt zu der kleinen, bei seiner Verhaftung erst vierjährigen Elena: er schickte ihr unterschiedlich gelappte und gefiederte Blätter, anhand derer sie die Zahlen lernen sollte. Er gab ihr Rätsel auf und zeichnete die Lösungen. Er stelle ihr die verschieden Früchte vor, die er aß und seine Katze. Dieser verzweifelte Versuch, in seiner desolaten Situation selber den Mut nicht zu verlieren und Frau und Kind zu trösten, ist ungeheuer anrührend.

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Wenn man dann die Geschichte erfährt dieses erfolgreichen und anerkannten Wissenschaftlers, den eine billige Denunziation ins Gefängnis, ins Lager und schließlich in den Tod führte, bleibt man fassungslos zurück. Misswirtschaft, die allein die Partei zu verantworten hatte, hatten Dürre über das Land und ein große Hungersnot gebracht. Was lag da näher, als den Meteorologen dafür verantwortlich zu machen, der das Wetter „sabotiert“ hatte. Keine Begründung für irgendeine Schuld war offensichtlich zu absurd, wenn man sich überhaupt die Mühe einer Begründung machte. In der Zeit des „großen Terrors“, 1937-1938 unter Jeschow, der auch zur Ermordung von über tausend Opfern aus dem Lager der Soloweski-Inseln führte, unter ihnen Wangenheim, gab es jene „Ausführungsbestimmung 00447“, die für jede Stadt und jede Region eine Quote für die Verurteilung (1. Kategorie: Todesurteil, 2. Kategorie: Lager) vorgab: für Moskau: fünftausend Todesurteile, für Leningrad viertausend. Man braucht eine Weile, bis man das ganz verstanden hat.

Erst in den 50er Jahren wurde Wangenheim rehabilitiert, in den 90er Jahren fand die Menschenrechtsorganisation Memorial das Massengrab, in dem auch Wangenheim verscharrt wurde. Dieses Buch zu schreiben, muss dem Autor sehr viel abverlangt haben. Dem Leser wird es genauso gehen. Es wird ihn tief bewegen.

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