TietzelsTipp: Vote for Victoria! von Antje Schrupp

Antje Schrupp, Vote for Victoria!

Wenn man diese ungewöhnliche Lebensgeschichte gelesen hat, bleibt man einigermaßen fassungslos zurück. Diese Victoria Woodhull ist einfach unglaublich. Geboren 1838 in einem Provinznest in Ohio, in der untersten aller Schichten, hat sie es tatsächlich in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts zur Präsidentschaftskandidatin geschafft. Und das war keineswegs der größte Erfolg, den sie erreicht hat.

Aber zurück zu den Anfängen. Victoria kam aus der Gosse, ihre Eltern, Buck und Annie Claflin, waren nicht nur arm, sie waren verkommen, asozial. Buck verdiente sein Geld u. a. mit Pferdediebstahl, Annie arbeitete als Wahrsagerin, und die ganze Familie war ständig auf der Flucht vor Menschen, die sie aufs übelste betrogen hatten. Und Victoria, benannt nach der gerade gekrönten englischen Königin, passte sehr wohl in diese Familie. Sie glaubte an Geister und arbeitete wie ihre jüngere Schwester Tennessee als Hellseherin und in anderen, wenig respektablen Berufen. Sie heiratete jung den Nichtsnutz Canning Woodhull, von dem sie zwei Kinder bekam, und von dem sie sich später scheiden ließ.

In Chicago lernte sie James Blood kennen, einen angesehenen, gebildeten Untersuchungs-richter, der eine Frau und zwei Töchter hatte. Blood verließ diese und seine gesamte bürgerliche Existenz, um mit Victoria durchzubrennen. Später heirateten sie, ohne dass Victoria seinen Namen (Blood = Blut) angenommen hätte, der ihr für ihre Geschäfte nicht ratsam schien. Durch Blood lernte Victoria politische Ideen und philosophisches Gedankengut kennen, das sie nachhaltig inspirierte. Die Frau, die lediglich für drei Jahre sporadisch eine Schule besucht hatte, interessierte sich plötzlich für die Ungerechtigkeiten dieser Welt und versuchte, etwas dagegen zu unternehmen. Sie trat ein für die Rechte der Frauen, der Schwarzen, der Arbeiter und aller Unterdrückten. Das Wahlrecht für Frauen, das verschiedene Frauenbewegungen damals forderten, war für sie keineswegs der wichtigste Schritt bei der Beseitigung bestehender Ungerechtigkeiten. Sie hielt Vorträge, sie gründete eine Zeitung und schließlich versuchte sie 1872 als Präsidentschaftskandidatin auf ihre Ziele aufmerksam zu machen. Diese Kandidatur war völlig aussichtslos, was Woodhull selbstverständlich wusste, aber sie war ein Zeichen dafür, dass die Zeiten sich ändern würden.

Der Kontakt zu Cornelius Vanderbilt und anderen reichen Männern brachte Victoria und Tennessee dazu, in New York ein erstes Broker-Büro für Frauen einzurichten, wobei James Blood als Mann die Geschäfte für die Frauen an der Börse tätigte.

Es konnte nicht ausbleiben, dass man mit allen Mitteln versuchte, gegen diese Frauen vorzugehen, wobei Victoria vor allem wegen ihrer allzu freien moralischen Einstellung angreifbar war. Als Cornelius Vanderbildt 1877 starb, ermöglichte eine Gabe von 100.000 Dollar den Schwestern einen Neuanfang in England. Es handelte sich offensichtlich um Schweigegeld der Familie für Insiderwissen, das den Ruf des alten Gentlemans stark beschädigt hätte.

In England heiratete Victoria John Biddulph Martin, mit dessen Vermögen sie als Wohltäterin wirkte und 1927 hoch angesehen starb.

Es ist unmöglich die zahlreichen Facetten und Wendungen dieses ungeheuer reichen und vielschichtigen Lebens in einer kurzen Rezension zusammenzufassen. Man muss es selber lesen.

TietzelsTipp: Broken Hill von Nicholas Shakespeare

Nicholas Shakespeare, Broken Hill

Die Geschichte ist ebenso trostlos wie das Örtchen Broken Hill, ein Bergarbeiterdorf irgendwo in Australien. Am Neujahrstag 1915, als sich die Einwohner des Dorfes per Zug zum traditionellen Neujahrspicknick aufmachen, geschieht ein großes Unglück, ein Terrorakt, begangen von zwei Außenseitern. Die Geschichte beruht, wenngleich romanhaft verfremdet, auf einer wahren Begebenheit.

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Man reibt sich die Augen: 1915? Australien? Nur wenig verändert könnte sich dasselbe hier und jetzt zutragen. Haben wir denn überhaupt nichts dazu gelernt? Die Antwort ist offensichtlich: nein. Grundsätzlich scheinen sich die Menschen nicht zu ändern. Seit Jahrtausenden werden immer wieder dieselben Fehler gemacht. Hier geht es um ein von aller Welt abgeschiedenes Dorf, in dem jeder jeden kennt, in dem die Arbeitsmöglichkeiten begrenzt sind und in das Auswirkungen eines im weit entfernten Europa entflammten Weltkriegs zur Schließung der örtlichen Bergwerke führen. Junge Männer, ihrer Arbeit beraubt, verdingen sich als Soldaten in einem Krieg, der zu weit von ihrer Heimat entfernt stattfindet, als dass er sie wirklich etwas anginge.

Keine schöne Situation und keine beruhigende Atmosphäre, besonders für Fremde, die ebenfalls in dem Dorf leben. Seit Jahren leben, muss man sagen, geächtet von allem Anfang an, summarisch als Türken verschrien, obwohl sie aus allen möglichen Länder kommen wie etwa Indien und Afghanistan. Aber sie sind eben fremd. Sie sind anders, haben eine dunklere Haut, und vor allem eine andere Religion: sie sind Moslems. Obwohl es für Streitigkeiten eigentlich keinen Grund gibt, denn die „Anderen“ leben mehr oder weniger unter sich, sozusagen in einem Ghetto, „Camel Camp“ oder „Ghantown“ genannt, ist ihre bloße Existenz den „Weißen“ ein Dorn im Auge. Und während die Fremden die Dorfbewohner zu ihren (auch religiösen) Festen großzügig einladen, verwehrt man ihnen andererseits beim Weihnachtstanz den Zutritt zum Fest der Weißen. Denn zu allem anderen – der Befürchtung und Behauptung, dass die Fremden den einheimischen die Arbeit weg nehmen –, kommt die Furcht, sie könnten sich auch an die eigenen Frauen heranmachen. Die demütigende Abfuhr an jenem Weihnachtstanz ist es, die das Fass für Gül und Molla Abdullah nach Jahren der Schikanen zum Überlaufen bringt und sie zu Terroristen werden lässt.

Dass es auch anders gehen könnte, dass eine Annäherung, geboren aus Respekt und Neugierde auf das Andersartige möglich wäre, zeigt der Autor an einer jungen Frau, Rosalind, der die Enge ihres Dorfes und seine Begrenztheit schmerzlich bewusst sind. Ihr steht die Ehe mit einem groben Bergarbeiter bevor, der nicht ganz unsympathisch, aber in allem vorhersehbar ist. Diese Ehe wird ein Käfig sein, aus dem sie ausbrechen möchte, noch ehe sie darin gefangen ist. Eine Frau, die offen auf die Fremden zugeht, kaum Berührungsängste hat und sogar eine Zuneigung zu Gül verspürt, die sie nicht zu deuten wagt. Aber sie eine schwache Frau und sie ist mit ihrer Einstellung in dieser Gesellschaft allein. So nimmt das Schicksal seinen Lauf.

TietzelsTipp: Allein gegen die Schwerkraft. Einstein 1914-1918 von Thomas de Padova

Thomas de Padova, Allein gegen die Schwerkraft. Einstein 1914-1918

Ich kann nicht behaupten, nach Lektüre des Buches Einsteins Relativitätstheorie besser verstanden zu haben. Aber dem zwiespältigen Charakter dieses Mannes kommt man gewiss näher. Der Autor wählt für seine fragmentarische Biographie des genialen Physikers die Jahre des Ersten Weltkrieges: Einmal, weil es die Zeit ist, in der Einstein einen Ruf nach Berlin erhält, wo man ihm anbietet, völlig unbehelligt von irgendwelchen Verpflichtungen an seinen Forschungen zu arbeiten. Und zweitens, weil Einstein genau in diesen Jahren der gedankliche Durchbruch für seine allgemeine Relativitätstheorie gelingt. Die Welt um ihn herum gerät in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß aus den Fugen, und er zieht sich in sein Innerstes zurück. Er kann dies, weil er als Besitzer des Schweizer Passes – geboren wurde er allerdings als Deutscher – nicht zum Militär einberufen werden kann. Aber er ist Pazifist und beteiligt sich an politischen Vereinigungen, die gegen den Wahnsinn öffentlich Stellung nehmen. Lediglich seine außerordentliche Berühmtheit rettet Einstein vor weitreichenden polizeilichen Maßnahmen, sein Genie, macht ihn sozusagen unantastbar.

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Seine Professorenkollegen, der Physiker Max Planck und die Chemiker Fritz Haber und Walther Nernst, die ihn nach Berlin geholt hatten, und denen er teilweise auch persönlich sehr nahe stand, gerieten allesamt in einen Kriegstaumel, der uns heute unverständlich scheint, damals aber Allgemeingut war. Eigenartig, dass Einstein sich nicht von ihnen distanzierte. Insbesondere Fritz Haber war für die menschenverachtende Kriegsführung mit Giftgas verantwortlich. Einstein hat ihn dafür niemals auch nur kritisiert. Scheinbar unbehelligt von allem hat er in Berlin weiter an seinen Ideen gearbeitet und seine Lösung gefunden.

Man tut sich ein bisschen schwer mit diesem Phänomen, wie auch der Privatmensch Einstein kein allzu positives Bild abgibt. Von seiner Frau Milena distanziert er sich schon beim Umzug nach Berlin im Frühjahr 1914, weil er ein Verhältnis mit seiner Cousine Elsa hat. Er treibt die Missachtung seiner Frau so weit, dass diese ihn bereits im Juli 1914 verlässt und mit beiden Söhnen zurück nach Zürich geht. Um die Söhne tut es ihm irgendwie leid, aber auch später hat er sich um deren Liebe und Wohlwollen nicht wirklich bemüht. Er ist ein Eigenbrödler und weiß, dass er im Grunde allein bleiben sollte. Da er aber kränkelt, nimmt er Elsas Hilfe, die sich rührend um ihn kümmert, dankbar an. Er wird sie nach langem Zögern 1919 schließlich doch heiraten, nicht ohne darüber nachzudenken, ob er nicht lieber deren Tochter Ilse zur Frau nehmen soll.

De Padova gelingt es, die wissenschaftliche, die menschliche und alle anderen Facetten dieses Menschen auf interessante Weise mit einem sehr lebhaften Bild des damaligen Deutschlands und vor allem Berlins zu verschmelzen. Man lernt außerdem viel, auch über die ungeheuer beeindruckende Art und Weise von Einsteins Denken. Und es wird einem bewusst, dass man einem Genie nicht mit normalen Maßstäben beikommen kann.

TietzelsTipp: Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen

In Zeiten, in denen ganz Deutschland wegen der „Flüchtlingskrise“ aufgeregt diskutiert, tut es gut, dieses Buch in die Hand zu nehmen, das ruhig, gleichwohl eindringlich und einfühlsam vermittelt, worum es eigentlich geht: um Menschen nämlich, von denen jeder sein eigenes Schicksal mit sich herum trägt. Und diese Menschen – hier sind es in Berlin gestrandete Schwarzafrikaner – haben zum großen Teil furchtbare Dinge erlebt, haben gesehen, wie Eltern und Kinder getötet wurden, haben selber, bei einer furchterregenden Fahrt über das Mittelmeer, dem Tod ins Auge geblickt und wollen jetzt nur noch eines: weiterleben, in Ruhe und Frieden, wollen arbeiten, um sich genau das zu ermöglichen.

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Dem gegenüber gibt es Gesetze, die genau das verhindern. Diese Menschen haben Europa in Italien betreten, und also ist Italien für sie zuständig, nicht Berlin und nicht Deutschland. In Italien aber hat man sie auf die Straße geschickt. Dort könnten sie sich Arbeit suchen. Aber sie finden keine. Und so sind sie weiter gezogen. Jenny Erpenbeck schildert diese Situation gänzlich unaufgeregt, ohne anzuklagen, ohne aber auch billige Lösungen anzubieten, oder überhaupt Lösungen. Unaufgeregt ist auch ihr Protagonist, Richard, ein gerade emeritierter Hochschulprofessor. Er wird aufmerksam auf die Afrikaner, die auf dem Oranienplatz wild campieren und von dort in verschiedene Unterkünfte gebracht werden. Er findet, ein bisschen verwunderlich vielleicht, dass zwischen diesen „aus der Zeit Gefallenen“ – die nämlich mit ihrer Zeit so gar nichts anfangen dürfen – und ihm selber eine gewisse Beziehung besteht, denn er hat noch nicht gelernt, mit der vielen Zeit, die ihm jetzt gegeben ist, sinnvoll umzugehen.

Richard sucht die Afrikaner auf, zunächst unter dem Vorwand einer wissenschaftlichen Untersuchung, und befragt sie. Von allem Anfang an aber sind das keine Interviews sondern ganz persönliche Gespräche. Gespräche zwischen Richard, der auf der einen, der „richtigen“ Seite steht und den anderen, denen auf der „falschen“ Seite, die hier nicht hin gehören und, auch das ist klar, die nicht werden bleiben dürfen. In dem Augenblick, in dem Richard (und der aufgeschlossene Leser) die Schicksale der Männer und ihre schreckliche Not kennenlernt, begreift er, wie grausam, wie menschenverachtend, wie inhuman das Vorgehen einer Verwaltung nach den vorhandenen, gültigen Gesetzen ist. Niemandem ist ein Vorwurf zumachen. Es schnürt einem die Kehle zu.

Richard hilft. Durch seine Gespräche, sein Interesse, seine Zuwendung, schließlich ganz konkret, indem er einige der Schwarzen, die abgeschoben werden sollen, bei sich wohnen lässt und auch seine Freunde dazu animiert. Das ist kein positives Ende, denn das ist keine dauerhafte Lösung. Es zeigt aber, wie wichtig es ist, jeden Menschen, der geflohen ist, als Menschen wahrzunehmen und sich ihm gegenüber als Mensch zu verhalten. Wenigstens das kann solchen Verlorenen ein Stück ihrer Würde erhalten. Ein ergreifendes, auch sprachlich wunderbares Buch.

TietzelsTipp: Männer mit Erfahrung von Castle Freeman

Castle Freeman, Männer mit Erfahrung

Ich warne Sie: dies ist keine ernst zunehmende Literatur, hier geht es nicht um erbauliche Gedanken oder um Probleme, mit denen man sich immer schon mal auseinander setzen wollte.

Das hier ist einen einfache Geschichte, mit einfachen Menschen, und am Ende des Tages ist sie auch schon vorbei. Sie geht gut aus, das heißt: schlecht. Und das ist gut. Die Sprache besteht aus kurzen, klaren Sätzen, und wenn es sich um wörtliche Rede handelt – das tut es fast ausschließlich – werden einem die Wörter wie Pingpong-Bälle um die Ohren gehauen. So hetzt man durch dieses kurze Buch, und wenn man nicht schon am Anfang genervt entscheidet, dass das nicht die Art Roman ist, auf die man sich einlassen möchte, dann liest man die Story in einem Rutsch durch. Denn sie ist spannend, von absurder Komik und irgendwie nicht ganz von dieser Welt.

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Eine junge Frau, Lillian, wird in einem Kaff in Vermont, USA, von einem Mann bedroht, einem Bösewicht, der sie fertig machen will. Und sie will sich das, gegen alle Vernunft, nicht gefallen lassen. Der Sheriff des Ortes, Hüter von Recht und Ordnung, den sie um Hilfe bittet, erklärt ihr, dass er ihr nicht helfen kann, weil ja noch nichts geschehen ist. Er verweist sie auf einen Typen, der diesen Blackway, den Bösen, kennt und ihr – vielleicht – helfen wird. Zunächst schickt er sie zu Whizzer, dem Besitzer einer nicht mehr existierenden Stuhlfabrik. Whizzer sitzt im Rollstuhl. Er ist uralt, wie seine Freunde, die mit ihm ihre Tage redend und Bier trinkend „rumbringen“. Es ist nicht sofort offensichtlich, aber das sind Männer mit Erfahrung. Auch Lillian kapiert das zunächst überhaupt nicht. Was dann geschieht, wie diese junge, eigensinnige, sture Person mit den langen Haaren widerwillig und verzweifelt mit einem starken Dummkopf und einem sehr alten Mann loszieht, um den Bösen fortan davon abzuhalten, ihr weiterhin nachzustellen, das ist so aberwitzig wie logisch.

Das Unternehmen scheint völlig aussichtslos, weil die Gegner so ungleich sind und eigentlich von allem Anfang an klar ist, dass das Gute sich niemals gegen das Böse durchsetzen kann. Denn Blackway tyrannisiert die Gegend nicht erst seit gestern, und der Sheriff hat die Lady aus gutem Grund abblitzen lassen. Andererseits ist das Böse irgendwie einseitig und scheint nur eine Richtung zu kennen. Les dagegen, der alte Mann, der sich zusammen mit dem etwas tumben aber furchtlosen Nate the Great, wie man ihn nennt, auf das Abenteuer eingelassen hat, ist ziemlich gerissen und kennt einige Tricks: auch er ein Mann von Erfahrung eben.

Dem Autor gelingt es, die ganze haarsträubende Geschichte völlig plausibel zu machen. Denn dass Lillian darauf besteht, nicht sie habe vor dem Bösen zu kuschen, sondern das Böse selbst müsse aufhören, nötigt den alten Männern Respekt ab. Deswegen hilft man ihr. Man zieht es durch bis zum Ende, wie es heißt. Wie im Wilden Westen. Spannend, lustig, verblüffend, beruhigend und trotz des unschönen Endes oder gerade deswegen: tief befriedigend.

TietzelsTipp: Die Reputation von Juan Gabriel Vásquez

Juan Gabriel Vásquez, Die Reputation

Ein bolivianischer Karikaturist, Javier Mallarino, wird mit 65 Jahren offiziell für sein Lebenswerk geehrt. Ein Lebenswerk, das darin bestand, politisch und moralisch den Finger auf Wunden zu legen und andere Menschen recht bedenkenlos an den Pranger zu stellen. Seine Umgebung und er selber hielten und halten das für richtig und ehrenwert.

Einzig seine Frau, Magdalena, mit der er eine Tochter hat und die er immer noch liebt, von der er aber seit Jahrzehnten geschieden ist, hat ihn manches Mal auf die Zweifelhaftigkeit seines Tuns und seiner Einstellungen hingewiesen. Aus einer anfänglichen Bewunderung Magdalenas wurde schließlich eine Entfremdung, die wohl zum Bruch der Ehe führte. Am Tag der Ehrung scheint eine neuerliche Annäherung möglich. Magdalena bleibt in der folgenden Nacht bei ihm.

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Am nächsten Tag empfängt er eine junge Journalistin, Samanta, die in seinem Arbeitszimmer angesichts der Karikaturen an den Wänden plötzlich gesteht, sie sei keine Journalisten, habe nur in sein Haus kommen wollen, weil sie in diesem Haus schon einmal gewesen sei, vor achtundzwanzig Jahren. Das habe sie bei der Ehrung am Vorabend bei der Vorführung seiner alten Zeichnungen plötzlich gespürt. Obwohl Mallarino sich zunächst überhaupt nicht erinnert, tut er es dann doch. Samanta war eine Freundin seiner eigenen Tochter und mit dieser damals auf einem Fest zugegen, das Mallarino gab. Die Kinder tranken unbeobachtet die Alkoholreste aus herumstehenden Gläsern und waren schließlich besinnungslos betrunken. Sie wurden ins Bett gebracht, ein herbeigerufener Arzt gab allerdings Entwarnung. Ein anwesender Politiker, den Mallarino mit Karikaturen verunglimpft hatte, und der flehentlich darum gebeten hatte, nicht mehr gezeichnet zu werden, wird von Samantas Vater, als dieser seine Tochter abholen will, im Zimmer der Mädchen angetroffen. Der hoch geschobene Rock des Kindes scheint darauf hinzudeuten, dass hier eine sexuelle Handlung stattgefunden hat. Statt nun die Polizei zu rufen und den Sachverhalt aufzuklären, vernichtet Mallarino den Politiker mit einer neuerlichen Karikatur, die ihn als Mädchenschänder zeichnet. Der Mann gibt sein politisches Amt auf und wird sich aus dem Fenster stürzen. Samanta will nun Jahre später von Mallarino „die Wahrheit“ wissen. Aber die Wahrheit kann Mallarino auch nicht sagen, weil er damals nicht in dem Zimmer gewesen ist. Zum ersten Mal erhebt sich wohl für ihn die Frage, in wie weit er für seine Karikaturen und deren Folgen Verantwortung trägt.

Das ist, so scheint mir, ziemlich an den Haaren herbei gezogen. Insbesondere die Person der Samanta ist wenig glaubwürdig. Obwohl sie damals volltrunken war und keinerlei Erinnerung mehr an irgendetwas hat, scheint sie jetzt, nach achtundzwanzig Jahren, verfolgt von der Idee, es könnte ihr damals etwas angetan worden sein. Und Mallarino, der Jahrzehnte lang die heftigen Reaktionen auf seine Zeichnungen mit Schrecken und Genugtuung registriert hat, denkt jetzt zum ersten Mal über Verantwortung nach? Sehr bedauerlich und recht unbefriedigend.

TietzelsTipp: „Einfach nur weg. Die Flucht der Kinder“ von Ute Schaeffer

Ute Schaeffer, Einfach nur weg. Die Flucht der Kinder

Die Autorin war Chefredakteurin bei der Deutschen Welle und hat aus einigen der Länder, um die es in diesem Buch geht, Bericht erstattet und kennt sie aus eigener Anschauung. Das mag geholfen haben bei der nicht immer leichten Annäherung an zwölf minderjährige Jungendliche, die sich ohne ihre Eltern oder andere Familienangehörige auf die Flucht begeben haben und inzwischen in Deutschland gestrandet sind.

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Alle diese Jugendlichen – neun Jungen und drei Mädchen – haben Schreckliches erlebt auf ihrer Flucht, aber ebenso traumatisch waren die Erlebnisse in ihren Heimatländern, die zu der Flucht geführt haben als dem einzig möglichen Weg, das eigene Überleben zu sichern. Ganz deutlich wird, dass keines der Kinder je von sich aus daran gedacht hat, die Heimat zu verlassen. Und Deutschland als Ziel hat bei kaum einem im Vordergrund gestanden, ja manche hatten von Europa nicht einmal eine Vorstellung. Der erste Impuls, der Anstoß zur Flucht, lag immer in den Verhältnissen vor Ort. Man wollte weg von dort, wo das Leben nicht mehr möglich war, und zwar egal wohin. Die Gründe waren unterschiedlich: sei es, wie im Fall von Ali aus Sierra Leone, dass seine Mutter an Ebola erkrankt und gestorben war und er selber daraufhin von allen gemieden wurde. Als eine Art Aussätziger fand er keine Arbeit mehr, konnte sich nicht mehr ernähren. Sei es, dass religiöse Fanatiker in Somalia die jungen Männer bedrohten und bedrängten, sich dem IS anzuschließen oder selber getötet zu werden, sei es wie im Fall von Yamina aus Guinea, dass kriegerische Auseinandersetzungen zur Ermordung der Eltern und Vergewaltigung der Schwester führten, die daran starb.

Im Schrecken und in der Grausamkeit ähneln sich die traumatischen Erlebnisse, auch die auf der Flucht, auf der ausnahmslos alle die Erfahrung machen mussten, von menschenverachtenden Schleppern ausgenommen, wie Vieh behandelt, manchmal regelrecht verkauft oder als Geiseln genommen zu werden, um immer mehr Geld aus ihnen heraus zu pressen. Das alles zu lesen macht einen fassungslos, hilflos und wütend. Es beweist, in welchem Maße Menschen zu ungebremster Brutalität im Eigennutz fähig sind, und man verliert den Glauben daran, dass sich jemals in dieser Welt etwas zum Guten wenden könnte. Es mag ein kleiner Trost sein, dass manche der Flüchtlinge auch Hilfe erfahren haben und dass ausgerechnet Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern eine positive Rolle spielt.

Inzwischen, im Mai 2016, wird in der Zeitung von ca. 65.000 unbegleiteten Minderjährigen allein in Deutschland berichtet, und das bringt sicher viele Probleme mit sich, die nicht geleugnet werden sollen. Dieses Buch verweist aber bei allem auf zwei sehr wichtige Punkte: erstens, jedes dieser Kinder ist ein Individuum mit einem eigenen, zumeist furchtbaren Schicksal. Das sollten wir niemals vergessen und nicht aufhören, uns menschlich um sie zu kümmern. Und zweitens: junge Menschen, die solche Erfahrungen gemacht und überlebt haben, sind stark und Kämpfernaturen, denen wir helfen sollten. Am Ende werden sie uns helfen.

TietzelsTipp: „Willkommen auf Skios“ von Michael Frayn

Michael Frayn, Willkommen auf Skios

Mögen Sie Slapstick? Wenn nicht, lassen Sie die Finger von diesem Roman. Wenn Sie aber bereit sind, sich auf völlig verrückte Unwahrscheinlichkeiten einzulassen, werden Sie sich wahrscheinlich amüsieren.

Es ist wie bei diesen Boulevard-Komödien, bei denen Personen verwechselt werden und die Auflösung erst ganz zum Schluss erfolgt, weil vorher immer auf der rechten Seite der Bühne die Türen aufgehen, während sie sich im selben Moment auf der linken Seite schließen. Wie in Stücken, in denen immer im richtigen Moment die falsche Person auftaucht: hier auf der griechischen Insel Skios. Der charmante Frauenheld (und auch sonstige Versager), Oliver Fox, lässt sich anstelle eines ihm völlig unbekannten Wissenschaftlers, Dr. Norman Wilfred, von der hübschen Assistentin einer namhaften Stiftung abholen und schlüpft in dessen Rolle. Durch die Verwechslung von Koffern wird der richtige Dr. Wilfred am Flughafen aufgehalten und schließlich, weil er, wichtiger Mann der er ist, sich nicht mehr an die Adresse der Stiftung erinnern kann, wo er seinen noch wichtigeren Vortag halten soll, von einem Taxifahrer zu einen Haus am Ende der Welt gebracht, in dem eigentlich Oliver Fox landen sollte.

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Es macht nichts, dass die ganze Geschichte völlig blödsinnig ist, dass man nicht wirklich glauben kann, dass ein zwar sympathischer aber unbedarfter Hallodri eine ganze vornehme und eigentlich gebildete Gesellschaft an der Nase herumführen kann. Das ist vorhersehbar und gewollt absurd, und man kann über die Dummheit der Schönen und Reichen und Eingebildeten und Arroganten, die sich so leicht täuschen lassen, schadenfroh lachen.

Dass der entgeisterte Wissenschaftler, der zunächst noch glaubt, tatsächlich in der Stiftung gelandet zu sein und über eine Telefondame der Stiftung, die ihn ebenfalls auf dem Gelände glaubt, mehrmals und bis zur Erschöpfung in die Irre geschickt wird, dass er nachts von der Freundin des Oliver Fox, die ihren Freund in diesem Bett vorzufinden hofft, auf äußerst angenehme Weise geweckt wird und tausend andere höchst unglaubliche Verwicklungen, nimmt man ungerührt hin, wenn man sich einmal darauf eingelassen hat.

Zwei skurrile Taxifahrer, Brüder, die augenscheinlich neben dem Flughafen nur zwei Adressen auf der Insel kennen, nämlich die der Stiftung und die des abgelegenen Hauses, tragen das Ihre zu dem absurden Theater bei. Alles spielt sich wie ein Film vor unserem inneren Auge ab. Manchmal habe ich laut aufgelacht, zum Beispiel, weil ich mir vorstellte, wie das wohl ist, wenn ein Koffer aus dem Taxi geworfen wird. Zum Schluss allerdings wurde es mir ein bisschen viel.

Der Showdown, nämlich die brennende Frage, was passiert, wenn der große Ahnungslose jetzt einen wissenschaftlichen Vortrag halten soll, gerät dann auch wirklich zu einer kleinen Apokalypse. Was denn sonst. Amüsante Unterhaltung.

TietzelsTipp: „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry,

Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz

Das Buch – eines der berühmtesten Kinderbücher der Welt – braucht man niemandem vorzustellen. Aber nachdem 2015 die Rechte des Karl Rauch Verlags, Düsseldorf, abgelaufen sind, gibt es eine Reihe neuer Übersetzungen, über die man vielleicht nachdenken kann.

Die Mediothek bietet neben der ersten Übersetzung ins Deutsche von Grete und Josef Leitgreb aus dem Jahr 1950 (Exemplar leider stark ramponiert) zwei neue Übersetzungen von 2015 an, die Reclam-Ausgabe mit dem Text von Ulrich Bossier und die Prachtausgabe aus dem Arche-Verlag mit der Übersetzung von Hans Magnus Enzensberger.

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In einem Artikel in der FAZ vom Februar 2015 kommentiert Felicitas von Lovenberg diese und weitere Neu-Übersetzungen. Dort zitiert sie eine Bemerkung des Rauch-Verlegers, der behauptet, dass die „meist wertkonservativen Deutschen“ den „Klang der Originalübersetzung“, nämlich der von 1950, besonders schätzen würden. Und sicher kennen die meisten Leser eben diesen Text, der ihnen also vertraut ist.

Aber erstens kann es meiner Meinung nach eine „Originalübersetzung“ logischerweise gar nicht geben. Es gibt eine erste Übersetzung, aber die ist nicht „originaler“ als alle anderen. Jeder Übersetzer hat ein anderes Sprachgefühl und bringt deshalb seine eigene – originale – Übersetzung hervor. Zweitens stimmte es aber auch, dass der Zeitpunkt einer Übersetzung eine Rolle spielt, denn unsere Sprache ist zeitgebunden.

Wenn man jetzt die Ausgabe von 1950 zur Hand nimmt, dann kommt sie einem doch ein bisschen bieder vor. Ausdrücke wie „die großen Leute“ statt „Erwachsene“ oder „kleines Kerlchen“ und „Weisung“ statt „Vorschrift“ oder „der Eitle“, das liest man heute anders. Andererseits sind bestimmte Sätze unübertroffen. Wenn der Fuchs wissen will, ob es auf dem Planeten des kleinen Prinzen Jäger gibt, und der kleine Prinz verneint, wenn der Fuchs weiter hoffnungsfroh fragt, ob es dort Hühner gibt und er wiederum ein „Nein“ hört, seufzt er: „Nichts ist vollkommen“. Enzensbergers „Na ja, nichts auf der Welt ist wie im Paradies“ hört sich dagegen etwas gewollt an. Bossier lässt es bei der alten Übersetzung. Überhaupt, da wo die Leitgrebs eine besonders gute Formulierung gefunden haben, übernehmen viele der weiteren Übersetzer sie klugerweise. Denn manches ist einfach nicht besser zu machen. Auch der Hauptsatz: “Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ (Leitgreb, Bossier) wird durch Enzensberger nicht wirklich schöner ausgedrückt: „Man begreift gar nichts, wenn das Herz nicht dabei ist. Das, worauf es ankommt, ist mit bloßem Auge nicht zu sehen.“

Ob man Kinder heute noch mit dem „kleinen Prinzen“ berühren kann? Es schien mir immer schon eigentlich ein Buch für Ältere, denn es ist nicht nur einfach geschrieben, sondern durchaus hintergründig. Auf jeden Fall glaube ich, dass es der moderneren Sprache der beiden Neu-Übersetzungen eher gelingen kann, die Kinder von heute zu erreichen.

TietzelsTipp: „H“ wie Habicht von Helen Macdonald

Helen Macdonald, H wie Habicht

Dieses Buch ist eine Herausforderung, und es ist unvergleichlich. Es ist kein Roman, obwohl in ergreifender Weise eine Geschichte erzählt wird, und es ist nur unzulänglich als Sachbuch beschrieben, obwohl es eine Menge Wissen über Greifvögel vermittelt. Hier geht es um die Beziehung Mensch und Tier. Aber was für ein Tier! Und was für ein Mensch, muss man gleich hinzufügen. Helen Macdonald, die heute an der Universität von Cambridge Geschichte und Philosophie der Wissenschaften unterrichtet, war sicher schon als Kind ungewöhnlich in ihrer Liebe, ja Obsession für Greifvögel. Sie wurde Falknerin und hat auch ein Buch darüber geschrieben, ein Sachbuch. „H wie Habicht“ ist nicht „sachlich“, es ist vielmehr von einer stürmischen, bisweilen verstörenden Emotionalität. Als im Jahr 2007 Macdonalds Vater verstirbt, da ist sie 37 Jahre alt, trifft sie dieser Verlust bis ins Mark.

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In einem nicht zu steuernden Verlangen beschließt sie, einen Habicht zu zähmen, abzutragen, wie es im Fachjargon heißt. Obwohl sie sich mit Greifvögeln auskennt, ist dies eine heikle und schwierige Aufgabe, weil Habichte extrem scheu und wild sind. Mehrfach nennt die Autorin sie sogar „mörderisch“. Obwohl mir das Wort nicht wirklich zutreffend scheint, endet die Jagd eines Habichts naturgemäß blutig und scheint grausam. Der Vogel schlägt seine Klauen in das Opfer und frisst es bei lebendigem Leibe, wenn es nicht gleich tot ist.

Der Weg, sich dem Vogel so anzunähern, dass Vertrauen entsteht, und der Habichtler den Vogel schließlich fliegen kann, das heißt ihn frei lassen kann und er trotzdem zu ihm zurück kommt, wird in aller Eindringlichkeit, mit aller Angst vor Rückschlägen, mit aller Freude bei Erfolgen beschrieben. Distanziert wird der Leser jedoch bemerken, wie die Hingabe an ihre Aufgabe die Autorin zu verschlingen droht. Sie entfremdet sich der menschlichen Gesellschaft, lebt nur noch für ihren Habicht bis zu einem Punkt, an dem sie selber glaubt, wie der Vogel zu fühlen, wie er die Welt zu sehen, sich geradezu in einen Habicht zu verwandeln. Man begreift, dass sich hier ein psychologisches Drama abspielt, und dass das mit dem Versuch, die Trauer und den Schmerz über den Verlust des Vaters zu verarbeiten, zusammenhängt. Gott sei Dank versteht Macdonald rechtzeitig, dass sie auf dem Weg ist, abzudriften, erkennt ihre Depression und lässt sich von einem Arzt helfen. Die eigentliche Arbeit, aus diesem eigentümlichen Zustand als Vogelwesen wieder zurück in die menschliche Gesellschaft zu finden, muss sie aber alleine schaffen. Eine späte Trauerfeier für ihren Vater hilft ihr dabei.

Macdonald flicht in die Beschreibung ihres eigenen Weges die Erfahrungen von T.H. White ein, dem Autor von „Der König auf Camelot“, den seine sadistisch geprägte Homosexualität zu einem Außenseiter der Gesellschaft machte und der ebenfalls versuchte, einen Habicht abzutragen. In seinem 1951 erschienenen Buch, „The Goshawk“, beschreibt er schonungslos die Fehler, die er dabei gemacht hat. Macdonald setzt sich einfühlsam mit Whites Erfahrungen auseinander, vergleicht sie mit den eigenen. Ihr klarer Verstand und ihre Beobachtungsgabe verhindern, dass der Wahnsinn, dem sie zu verfallen droht, wirklich Besitz von ihr ergreift.